Zeitenspiegel Reportagen

Jahrgang der Reportageschule verabschiedet

06.10.2017

Es begann mit einer Recherche von Raphael Thelen. Der Journalist und Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule Reutlingen hatte 2016 in der ZEIT über rechte Tendenzen in Aue im Erzgebirge berichtet. Es gab Beschwerden, Thelen stellte sich den Vorwürfen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Oberbürgermeister von Aue, Heinrich Kohl, es sollten mal Journalisten kommen und über andere Dinge schreiben als über Neonazis. Der 12. Lehrgang der Zeitenspiegel-Reportageschule Reutlingen nahm die Einladung an.

Bei ihren Recherchen im Erzgebirge sind die elf jungen Reporterinnen und Reporter immer wieder auf Menschen gestoßen, die sich missverstanden, ja missachtet fühlen vom Rest dieser Republik. Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich und kulturell. Als die Journalistinnen und Journalisten über Aue und Umgebung herfielen, dauerte es deshalb eine Zeit, bis das Eis schmolz.

Ihre Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Ihr Abschlussmagazin, das 12. Go-Magazin, erzählt Geschichten vom Rand der Republik. Vom Leben im Plattenbau und vom Erfolg eines Traditionsunternehmens, das Stoffe in den Senegal verkauft. Vom Kultverein Erzgebirge Aue und, ja, es erzählt auch von Rassenhass und Ausgrenzung. Am 29. September stellte der 12. Lehrgang sein Heft „Erzwärts – Elf Abenteuer aus dem sächsischen Gebirge“ in den Räumen der Volkshochschule Reutlingen vor. Daneben präsentierte er ein weiteres Projekt seines Jahres an der Reportageschule: „Morgen in Georgien“, ein Multimedia-Projekt, das Geschichten aus der Kaukasusrepublik erzählt.

Rund 100 Gäste waren der Einladung der Reportageschule in die Räume der Volkshochschule gefolgt und wurden vom Leiter der VHS, Dr. Ulrich Bausch, begrüßt. Unter den Gästen war auch Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. In ihrer Festrede betonte sie, unabhängiger Journalismus werde in Zeiten von Fake-News immer wichtiger. Der Publizist Anton Hunger, Mitglied des Kuratoriums der Reportageschule, beglückwünschte die Absolventinnen und Absolventen zu ihrem Mut, in schwierigen Zeiten Journalisten werden zu wollen: „In einer nach Orientierung suchenden Gesellschaft ist guter Journalismus so wichtig wie die Luft zum atmen.“

Die Laudatio hielt Katrin Langhans, Absolventin des 7. Jahrgangs und heute Redakteurin für Investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung. Langhans war an der Enthüllung der „Panama Papers“ im April 2016 beteiligt. Niemand, sagte sie, habe anfangs wissen können, dass diese Recherche zum größten Datenleak aller Zeiten führen würde. Ein wenig Glück sei immer mit im Spiel. Darüber hinaus aber: Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Zuhörenkönnen.

Mit der Verabschiedung dieses Jahrgangs gibt Philipp Maußhardt die Leitung der Reportageschule nach 12 Jahren ab. Er wird künftig als Dozent an der Schule tätig sein. Sein Nachfolger im Amt des pädagogischen Leiters ist der erfahrene Journalist und Zeitenspiegel-Geschäftsführer Tilman Wörtz, der bereits Projekte der Schule in der Elfenbeinküste und in Georgien begleitet hat.