Krupar-Prozess: Zweiter Tag
Am 21. Juni 2008 fotografierte Stanislav Krupar im Auftrag der Agentur Zeitenspiegel eine Neonazi-Veranstaltung mit dem Titel “Sachsentag”. Er wurde angegriffen und schwer verletzt. Am vergangenen Mittwoch erschienen zwei der mutmaßlichen Schläger zum zweiten Mal vor Gericht. Krupar war als Zeuge geladen und schilderte, wie er die Attacke erlebte.
Im Windschatten der Masse müssen sie sich gut gefühlt haben. Wie echte Kerle, mächtig und stark. So stark, dass sie das Geschehen am 21. Juni 2008 festhalten wollten – für ihre Kumpels und für die Welt. Einer filmte, wie eine Gruppe Rechtsradikaler den Zeitenspiegel-Fotografen Stanislav Krupar umzingelte. Wie sie ihn schlugen und auf ihn eintraten als er schon am Boden lag. Offenbar waren es tschechische Gesinnungsgenossen, die die Aufnahme ins Internet stellten – das wichtigste Beweisstück der Anklage im Prozess gegen zwei der mutmaßlichen Täter. “Der Aufmerksamkeit der Aktivisten ist nicht einmal der anti-nationalistisch orientierte Journalist Stanislav Krupar entwischt”, wird die Gerichtsdolmetscherin den Vorspann zum Prügel-Video später übersetzen.
Es ist 9 Uhr morgens als die Justizbeamten Christian L., 20, und Marco E., 23, in Handschellen in den Saal des Dresdner Amtsgerichts führen. Beide in gebügelten Hemden, der eine trägt dazu Jeans, der andere Jogginghosen. Ihre Gesichtszüge sind jugendlich, die Blicke unsicher. Gefühlskälte oder gar Hass sind darin nicht zu erkennen. Allein die Frisuren könnte man als Zeichen einer aggressiven Haltung deuten: Christian L. hat sich das Haupt sorgfältig geschoren, an den Seiten noch etwas kürzer als am Oberkopf. Marco E., Brille und Kinnbart, trägt einen strengen Seitenseitenscheitel und das Haar auf beiden Seiten mit Gel an den Kopf geklebt.
Neben ihnen auf der Anklagebank sitzen mit Kay N. und Axel R. zwei weitere mutmaßliche Schläger. Sie sollen in andere Gewalttaten verwickelt sein, die im gleichen Verfahren verhandelt werden. Axel R. nutzt die Gerichtsbühne, um seine politische Gesinnung deutlicher zur Schau zu stellen: “Warum wollt ihr nicht kapieren, Kinderschänder kann man nicht therapieren”, steht in weißen Lettern auf der Rückseite seines schwarzes T-Shirts – der Slogan einer rechten Initiative, die die Todesstrafe für Kindessmissbrauch fordert.
Diesen Männern muss Stanislav Krupar nun ins Gesicht sehen. Der tschechische Fotograf tritt im Verfahren als Nebenkläger und Zeuge auf. Im Auftrag der Agentur-Zeitenspiegel hatte er am 21. Juni vergangenen Jahres Fotos von Teilnehmern Sachsentages gemacht. Organisiert war die Veranstaltung von den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. Der Marsch durch die Dresdner Innenstadt war verboten worden und Polizisten hatten eine Gruppe Rechtsextremer am Bahnhof Neustadt umstellt. Als Dutzende aus dem Kessel ausbrachen, folgte Krupar ihnen mit der Kamera. Im Gegensatz zu den Beamten. Als der Fotograf mit den wütenden Rechten allein war, griffen sie ihn an. Er erlitt Schürfwunden, Prellungen und eine Quetschung. Was danach geschehen sei, erzählt er der Richterin später auf Tschechisch und die Dolmetscherin übersetzt: “Danach bin ich eine ganze Weile herumgelaufen, bis ich Polizisten gefunden habe. Die haben sich aber nicht dafür interessiert und mich immer wieder nach meiner deutschen Akkreditierung gefragt. Ich hatte aber nur meinen tschechischen Presseausweis dabei.”
Zu all dem will sich Christian L. nicht äußern und überlässt seinem Verteidiger das Wort: Der Angeklagte gebe zu, am 21. Juni 2009 am Sachsentag teilgenommen zu haben. Er habe auch gesehen, wie mehrere Leute den Fotografen verprügelt hätten. Er selbst habe lediglich gezielt gegen die Kamera getreten, die Krupar um den Hals trug. Die Eskalation der Ereignisse täte ihm leid, sonst habe er nichts gemacht. Nein, Fragen der Nebenklage würden nicht beantwortet.
Was der Anwalt vorträgt, ist auch in einem Filmausschnitt zu sehen, den die Vorsitzende Richterin später abspielt. Standbilder einer anderen Szene zeigen Stanislav Krupar wie er, umringt von der Meute, Marco E. einen Fußtritt verpasst. Das schildert der Getroffene auch ausführlich im Gerichtssaal. Er wirkt nervös. Sein Nacken färbt sich rot als er seine Version der Dinge von einem Blatt abließt. Er habe Krupar nur schützen wollen, sei er auf ihn zugelaufen und habe gerufen: “Mach dich vom Acker bevor es Ärger gibt.” Statt sich an den gut gemeinten Rat zu halten, habe der Fotograf ihn vor die Brust getreten. In seiner Geschichte ist er das Opfer, der tragische Held.
Krupar selbst sagt, er wisse nicht mehr genau, wer ihn wann und wie oft malträtiert habe. “Da waren etwa neun bis fünfzehn Leute, die immer wieder auf mich eingeschlagen und mich getreten haben. Ich habe mich nur verteidigt”, übersetzt die Dolmetscherin vom Tschechischen ins Deutsche. Marco E. erkenne er allerdings wieder. “Ich glaube, er war einer der ersten, die mich angegriffen haben.”
Den Beschuldigten scheint das wenig zu beeindrucken. Immer wieder dreht er sich zur Seite und grient gelassen in Richtung einiger junger Männer und Frauen im Publikum. Die wiederum spielen ihre Statistenrolle im Prozesstheater scheinbar mit Routine und quittieren Krupas Aussagen mit abfälligen Bemerkungen. Als er etwa berichtet, dass er bis heute unter den psychischen Folgen des feigen Angriffs leide, zischt eine Frau: “Du bist ja auch bescheuert. Wenn du psychisch so leidest, warum machst du dann immer noch Fotos von der Szene?”
Nach knapp drei Stunden ist die Luft im Saal so dick, dass man meint, man könne sie in Scheiben schneiden. Doch die Richterin gönnt den Beteiligten keine Pause und hakt bei Krupar nach. “Wenn ich zu ihnen sage ‚mach dich vom Acker’, verstehen Sie mich dann?” Krupar blickt verständnislos. Für solch flapsige Ausdrücke ist sein Schuldeutsch nicht gut genug.
Schließlich stellen die Verteidiger ihre Fragen. Sie wollen wissen, ob Krupar Kampfsport betreibe. Ob er nicht gegen das Gesetz verstoßen habe, weil er ohne Erlaubnis Nahaufnahmen von Demo-Teilnehmern gemacht habe. Außerdem will einer der Anwälte wissen: “Verkauft sich eine Story nicht besser, wenn im Hintergrund Gewalttaten zu sehen sind?” – “Nein, eigentlich verkaufen sich Fotos von der rechten Szene eher schlecht”, antwortet Krupar.
Gegen 15 Uhr klicken die Handschellen und die Angeklagten werden hinausgeführt. Draußen wartet eine Mitarbeiterin der Dresdner Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt auf den erschöpften Fotografen. Sie kommentiert den Fall so: “Der eigentliche Skandal ist doch, dass die Polizei den Rechten nicht gefolgt ist, als sie durch die Sperre gebrochen sind. Dabei ist es ja wohl ihre Aufgabe, Leute wie Stanislav Krupar zu schützen.”