Zeitenspiegel Reportagen

Stipendienvergabe: die Lobrede

04.06.2018

Am ersten Juni wurden die Gabriel-Grüner-Stipendien von Zeitenspiegel Reportagen vergeben. Daher veröffentlichen wir an dieser Stelle gern die Laudation, welche dieses Jahr die Schriftstellerin Sabine Gruber hielt:

Verehrte Preisträger und Preisträgerinnen, liebe Beatrix, liebe Familienmitglieder und Freunde von Gabriel, verehrte Anwesende!

Es ist nahezu ein halbes Leben vergangen, seit ich hier in Mals im Vinschgau Zeit mit meinem Jugendfreund Gabriel Grüner verbracht habe. Selbst heute noch, 19 Jahre nach Gabriels frühem Tod im Juni 1999, fällt es mir nicht leicht, über ihn und seine Arbeit öffentlich zu sprechen. Erinnerungen sind zuweilen etwas sehr Privates und können von den Erinnerungen anderer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen abweichen.

Gabriel und ich hatten uns über die Literatur kennengelernt. Er hatte als Schriftsteller begonnen, hatte schon in der Handelsschule Gedichte und Kurzgeschichten verfaßt. Was uns aber noch mehr verband, waren die Südtiroler Verhältnisse, aus denen wir kamen, die gemeinsame Suche nach einem Fluchtweg in die große weite Welt, einem Fluchtweg über die Sprache.

Wie wird einer, was er ist? Diese Frage haben wir uns oft gestellt. Um zu verstehen, wie oder warum einer der geworden ist, der er ist/der er war, kann es hilfreich sein, zu erfahren, woher er kommt, aus welcher Zeit, aus welchem Land.

Das Lesen und das Schreiben waren unser Startkapital gewesen. Daß ein junger Mann wie Gabriel sich für das Studium der Germanistik entschieden hatte, war bereits damals keine Selbstverständlichkeit gewesen. Damals wie heute war es vornehmlich eine von Frauen gewählte Studienrichtung, die kein besonders hohes Einkommen in Aussicht stellte. Geld war für uns/war für Gabriel nicht wichtig, Statussymbole wie ein großes Auto oder Immobilien interessierten ihn nicht; er strebte nicht nach einem bürgerlichen, abgesicherten Leben. Wer seine Wohnungen kannte, weiß, daß sie bis zuletzt den Charme einer Studentenbude gehabt hatten. Das hätte sich nach der Geburt seines Sohnes Jakob vermutlich geändert.

Wir waren generationsmäßig die Nach-68er, suchten uns an der Uni die aufgeschlossenen Professoren aus, mieden die Altnazis, die noch immer vor einem Häufchen Ewiggestriger ihre Vorlesungen hielten. Wir waren politisiert, sozial und kritisch, engagierten uns in der linken Südtiroler Hochschülerschaft, schrieben für deren Zeitschrift „Skolast“; wir halfen türkischen Einwandererkindern bei ihren Aufgaben und gingen in die Schulsprechstunden, weil deren Mütter Analphabetinnen waren und kaum Deutsch sprachen. Und wir demonstrierten gegen das Atomwaffendepot der NATO in Natz-Schabs bei Brixen, gegen die Stationierung von Kurzstreckenraketen während des Kalten Krieges in Italien, unserer „Heimat“. Wir wählten die Neue Linke von Alexander Langer, sympathisierten mit Berlinguers PCI und polemisierten gegen die Politik der ethnischen Trennung, gegen den rechten Flügel der Südtiroler Volkspartei, der noch 1979 mit dem Slogan „Je klarer wir trennen, desto besser verstehen wir uns“ Wahlwerbung gemacht hatte. Wir lasen den Spiegel, das Popkultur-Magazin Spex, das Satire-Magazin Titanic, Bücher von Uwe Johnson, Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Christa Wolf und Wolfang Koeppen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Wir waren also die Nach-68er, für uns galt noch, was der in Wien lebende deutsche Germanist Helmut Lethen unlängst über die 68er sagte: „Die 68er-Bewegung war als Aufbruch ein Zeichen der Sehnsucht nach Welt. Das hieß auch Solidarität mit Kämpfen von Völkern in fremden Ländern. Die Melodie dieser Sehnsucht war die Popkultur.“ (Falter 18/18 S.35) Aus Gabriels Zimmer waren die Rolling Stones zu hören, Lou Reed, Eric Clapton, Bob Dylan, Peter Gabriel, Tom Waits, Sting, er schob aber auch Kassetten mit den Arbeitersongs von Billy Bragg und den politischen Liedern von Wolf Biermann in den Recorder.

Wir wollten nach unserem Studium beide nicht nach Südtirol zurück, nach dem Biermann’schen Motto „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. „Zurück“ hätte bedeutet, in Südtirol als Lehrer zu arbeiten oder für eine der Regionalzeitungen zu schreiben; es gab damals kaum unabhängige Medien, die alternative Verlagslandschaft war gerade erst im Aufbau begriffen. Das hieß nicht, daß uns unser Herkunftsland egal war. Gabriel liebte Südtirol, liebte seine Familie, seine Freunde, schätze die, die vor Ort etwas zu verändern trachteten. Wenn wir uns später zu Weihnachten in Meran oder Bozen trafen, wenn er mich in Venedig oder ich ihn in Hamburg besuchte, waren die Südtiroler politischen und familiären Verhältnisse immer Thema.

Wie also wird einer, was er ist? Wie wurde aus Gabriel ein Reporter beim Stern? Als wir uns 1988 in Meran mit dem Kybernetiker Valentin von Breitenberg, dem Herausgeber einer Anthologie, trafen, und Gabriels Erzählung in Breitenbergs Kritik nicht gut wegkam, meinte Gabriel, als die Tür hinter uns zufiel, lapidar: „Du wirst Schriftstellerin, und ich werde Journalist.“ Da waren wir 25. Er weigerte sich, die Erzählung zu überarbeiten, zog seinen Text zurück, obwohl er für sein literarisches Schreiben bereits Anerkennung, sogar einen Literaturpreis erhalten hatte. Vier Jahre zuvor war sein Vater, der Förster Volkmar Grüner, im März 1984 mit knapp 43 Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben. Diese Zäsur hatte Gabriel geprägt, er fühlte sich, als Ältester von vier Geschwistern, fortan in die Rolle des Ersatzvaters gedrängt.

Aus politischer Überzeugung verweigerte er den italienischen Wehrdienst, fand Wege, ihn über eine Scheinanstellung in Berlin, zu umgehen. Er schrieb Mitte/Ende der Achtziger Jahre verstärkt für den Skolast über interne Umstrukturierungen in der Südtiroler Hochschülerschaft, über Diederich Diederichsens Sexbeat-Buch, über 25 Jahre Rolling Stones, über Bücher von Rainald Goetz, Rolf Dieter Brinkmann, Norbert C. Kaser, Thomas Bernhard und Michael Köhlmeier, interviewte Wolf Biermann und den Südtiroler Politiker Alexander Langer.

Als sich Gabriel für die Henri-Nannen-Schule in Hamburg bewarb, träumte er von einer Stelle in der Feuilleton-Redaktion einer großen deutschen Zeitung. Von Sozialreportagen oder der Berichterstattung aus Kriegsgebieten war er noch weit entfernt gewesen. Dennoch war er damals schon jemand, der Oberflächlichkeit und vorschnelle ideologische Parteinahme ablehnte. Die aus Nicaragua zurückkehrenden „revolutionären“ Studenten hatte er für ihre blinde Sandinisten-Liebe genauso belächelt wie jene Studienkollegen, welche Palästinensertücher getragen hatten, ohne sich mit dem Antisemitismus im Allgemeinen und in Tirol im Besonderen auseinanderzusetzen, ohne sich mit der Shoa und Persönlichkeiten wie dem Südtiroler Deserteur Franz Thaler, der in Dachau und in dem Flossenbürger Außenlager Hersburg gewesen war, näher beschäftigt zu haben. Ich schätzte Gabriel schon zu Studienzeiten für seine sprachliche Genauigkeit, sein historisches Wissen und sein politisches Differenzierungsvermögen, Fähigkeiten, die er sich bereits während des Studiums in Innsbruck angeeignet hatte, die aber auch das Ergebnis seiner Sozialisation waren. Die Familiengeschichte seines Vaters verglich er öfters mit dem Schicksal der Buddenbrooks. Bei Thomas Mann wird der Niedergang einer gutsituierten hanseatischen Kaufmannsfamilie geschildert, die Grüners waren einst eine angesehene, wohlhabende Apothekerfamilie in Mals gewesen, an die zuletzt nur noch die alten Glas- und Pipettenflaschen erinnerten, die Gabriel im Dachboden des alten Apothekerhauses in der General Ignaz Verdross Straße gefunden hatte. Seine Mutter Erika kam aus dem Ruhrgebiet, aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Darauf angesprochen, zitierte Gabriel gerne die ersten Zeilen des Grönemeyer-Liedes, die der Geburtsstadt seiner Mutter gewidmet sind „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt/ist es besser,/viel besser, als man glaubt (…) Bochum, ich komm‘ aus dir/Bochum/ich häng‘ an dir…“

Das nicht einfache Leben mit einem Förstervater, der immer wieder in andere Gegenden Südtirols versetzt worden war und damit den Wohnortwechsel der gesamten Familie von Steinhaus im Ahrntal, nach Kiens im Pustertal und weiter nach Mals im Vinschgau nach sich gezogen hatte und einer in Südtirol sich lange fremd fühlenden bundesdeutschen Mutter, hinterließen Spuren. 1983, als ich Gabriel zum ersten Mal bei seiner Familie in Kiens besuchte, versuchte er mich nachts, nachdem wir in Bruneck ein Open Air-Konzert besucht hatten, daran zu hindern, die Küche zu betreten, weil er nicht wollte, daß ich seinem Vater begegnete, der an jenem Abend ein Glas zu viel getrunken hatte.

Ich mochte Volkmar, er hatte einen ähnlichen Humor wie Gabriel, ironisch, trocken - niemals lachte er auf Kosten von Schwächeren.

Von diesen Lebenszusammenhängen ausgehend, verwundert es nicht, daß Gabriel als Halbwaise, nach Abschluß der Journalistenschule in Hamburg, ein Angebot wie das vom Stern nicht hatte ausschlagen können. Er hatte sich nicht entschieden, Kriegsreporter oder Berichterstatter aus Krisengebieten zu werden, er war in diesen Beruf hineingerutscht. Nach dem Praktikum bei dem Wochenblatt DIE ZEIT hatte Gabriel noch gehofft, eine Stelle im dortigen Kulturresort zu bekommen. Er sei eben kein Hamburger, sagte er damals, ihm fehlten die nötigen Kontakte.

1994, Gabriel hatte bereits aus vielen Krisengebieten berichtet, bat ich ihn um Informationen für eine Romanfigur namens Denzel, die in Sarajewo von Heckenschützen erschossen wird. Mich interessierten die Reaktionen der Kollegen in der Redaktion. Damals war gerade der Stern-Journalist Jochen Piest – er war auf den Tag genau ein halbes Jahr jünger als Gabriel - kurz vor seinem 31. Geburtstag, nicht weit von Grosny entfernt, von einem tschetschenischen Kämpfer, der von einer entwendeten Lokomotive aus auf ein russisches Entminungsteam gefeuert hatte, tödlich getroffen worden.

Gabriel beantwortete meine Fragen via Fax, leider waren die Antworten schon vor ein paar Jahren nicht mehr lesbar gewesen. Sie sind aber, in leicht veränderter Form, in meinen Debütroman Aushäusige eingeflossen; anbei ein Zitat aus der Perspektive des Journalisten Anton: „Wissen Sie, keiner von uns wird in Kriegsgebiete geschickt, wenn er sich nicht freiwillig meldet. Hätte noch gefehlt, daß er (der Chefredakteur, S.G.) ergänzt: Nur Besonnene und Erfahrene. Alle im Haus wissen, daß es Denzels zweite Auslandsreise war, daß in der Sitzung so lange herumgefragt und Druck gemacht worden war, bis er Ja sagte. (…) Ach Denzel(…) Warum hast du diesen gebrauchten amerikanischen Stahlhelm nicht aufgesetzt? Warum lag er auf dem Rücksitz? (…) Sie begehen so viele Dummheiten, weil sie etwas Besonderes sein möchten, kleine Helden unter Helden, auf Tuchfühlung mit dem Tod. (…) Dabei war ich selbst mit einer Trans-All der Bundeswehr von Zagreb nach Sarajewo unterwegs gewesen, damals mit Christopher, einem amerikanischen, Libanon-erfahrenden Kriegsphotographen. Auf dem Flughafen habe ich einen norwegischen Offizier gefragt, ob man in die Stadt hineinkönne: Aber sicher, wenn Sie sich umbringen wollen. Vor dem Holiday-Inn-Hotel mußten wir mitansehen, wie einer amerikanischen Kamerafrau der Kiefer zerschossen wurde. Wir reisten sofort ab, zwei doppelte Whiskys im Blut. In der fünf Kilometer langen Heckenschützenallee zwischen Stadt und Flughafen schwor ich mir, in Zukunft nur noch über Handkes Spaziergänge zu schreiben.“ (Aushäusige, Auszüge aus den Seiten 106-108 München: dtv 1999)

Der Roman war 3 Jahre vor Gabriels Tod erschienen, das darin angeschnittene Thema Kriegsreporter/Kriegsreportage war – Schreiben als Angstbannung – auch meiner andauernden Sorge um Gabriel geschuldet. Wir schrieben uns bis zu seinem Tod Briefe, ich erfuhr viele Details aus seinem Berufsleben. So schrieb er mir am 5. September 1995 aus der irländischen Kleinstadt Clifden: „Vor meinem Aufbruch nach Irland war ich zweimal hintereinander in Bosnien, Du weißt ja, das eine Mal wurde ich ausgeraubt, die Geschichte der 2. Reise ist noch immer nicht gedruckt worden… (Die Fotos seien schön, aber zu still. Solche Argumente muß man sich von den arroganten Ärschen aus der Chefredaktion anhören. Was wissen die schon, wie anstrengend, gefährlich & auslaugend eine Reise nach Bosnien ist? Die sitzen doch nur in ihren fetten BMWs oder Mercedes & hauen jedes Wochenende gepflegt auf ihre Ferienvilla nach Sylt ab…).“

Ich habe keine soziologischen Untersuchungen vorliegen, aus welchen Schichten Journalisten und Journalistinnen kommen, die in Kriegsgebieten unterwegs sind; aber meine Recherchen zum Roman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks, der von Kriegsphotographen handelt, haben ergeben, daß viele, sehr viele Reporter und Reporterinnen aus schwierigen und kleinen Verhältnissen kommen, daß sie sich meist zufällig und nicht vorsätzlich, in Krisengebieten wiederfinden, in die sie dann immer tiefer vordringen, weil sie von den leidvollen Erfahrungen und Eindrücken überwältigt, etwas für die Opfer tun wollen.

Vor allem das Schicksal der Kinder war Gabriel nahegegangen: „Wir müssen daran arbeiten, den Kindern des Krieges die Wiederkehr von Haß, Zerstörung und Mord zu ersparen.“ schrieb er 1996 im Vorwort zum Katalog Kinder des Krieges Bilder aus Bosnien. Nicht zufällig handelte einer seiner ersten Stern-Artikel von den desaströsen Überlebensverhältnissen der Bukarester Bahnhofskinder. Er, der gern lange schlief, hatte schon als Student sonntags um 7 Uhr früh den vier anatolischen Immigrantenkindern die Tür zu unserer Studentenbude geöffnet, weil er es nicht übers Herz brachte, sie länger in der Kälte warten zu lassen.

Als Slavenka Drakuli?s Buch „Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan“ erschien, war Gabriel bereits vier Jahre tot. Eine sozialistische Gesellschaft (und die nachfolgende nationalistische) kenne – so die kroatische Schriftstellerin - keine individuelle Verantwortung. Vor dem Fall der Enklave Srebrenica habe die serbische Propagandamaschinerie fast zehn Jahre lang Kroaten, Muslime und Albaner als Feinde dämonisiert. „Der Fall Srebrenica und die nachfolgenden Massenmorde waren nur durch lange psychologische Vorbereitung möglich.“ (S.93)

Nein, ich werde Ihnen jetzt keine späten Begründungen für die Verbrechen auf dem Balkan liefern. Drakuli? stellt sich die grundlegende Frage, warum der Nachbar plötzlich zum Feind wird – diese Frage haben Gabriel und ich oft diskutiert. Lange vor dem Krieg auf dem Balkan haben wir, geprägt von der ethnischen Trennungspolitik der Siebziger- und Achtziger Jahre in Südtirol, uns über die Auswirkungen einer ideologisch manipulierten Erinnerungskultur, über nationale Stereotypen, über verfestigte Vorstellungen, die deutschsprachige Südtiroler über die Italiener oder umgekehrt die Italiener über die Deutschsprachigen haben, unterhalten. Wir haben dagegen polemisiert und angeschrieben. Das friedliche Zusammenleben in Südtirol ist das Resultat einer mühsam erkämpften Autonomie, die das Zusammenleben der Ethnien regelt. Es ist aber auch ein Ergebnis vieler Artikel und Interviews, in denen der Dialog gesucht und für mehr Eigenverantwortung geworben wurde.

Hypothesen sind nach dem Tod eines geliebten Menschen sinnlos, dennoch habe ich mich oft gefragt, was aus Gabriel geworden wäre, wenn er für ein großes deutsches Feuilleton hätte schreiben dürfen. Er wäre vermutlich noch am Leben. Wie hätte es einer wie er in der schöngeistigen Zunft ausgehalten, unter all den eitlen Kritikern und Kritikerinnen?

Spätestens bei einer Wanderung in seiner alten Heimat, die ihn vielleicht am Saxalbhof auf 1363 Metern Meereshöhe vorbeigeführt hätte, wäre er wie die beiden jungen Preisträgerinnen Greta Maurer und Lea Schrentewein vom Bozner Gymnasium Walter von der Vogelweide, mit Fortunat und Katrin Gurschler ins Gespräch gekommen und hätte Katrin gefragt, wie das denn so sei als zugewanderte Deutsche auf dem abgelegenen Südtiroler Bergbauernhof, oder er hätte gefragt, was da im Garten wächst. Mit Sicherheit hätte er den kleinen Anton auf seine Spielzeugautos angesprochen.

Wie wird einer, was er ist/was er war? Ist er nicht schon, was er wird? Ist er nicht schon gewesen, was er geworden war? Ausgestattet mit einem Blick von unten, geschult an unzähligen literarischen Texten, aber auch an den Schwierigkeiten einer vaterlosen Familie, an der Scham über finanzielle Engpässe, einer, der die Solidarität mit den Ausgebeuteten, Ausgegrenzten und vom Schicksal Benachteiligten miteinschließt. Einer, der mitfühlt und deshalb nicht aufhört zu kämpfen? Einer, der seinem Sohn Jakob, den er tragischer Weise nie kennenlernen durfte, einzig in der Zuneigung zu all den vielen Kindern, denen er schreibend weiteres Grauen zu ersparen wünschte/hoffte, seine Liebe zeigen konnte?

Ich kenne die Biographien der beiden Journalisten, die das Gabriel-Grüner-Stipendium erhalten, nicht, ich habe keine Ahnung, woher deren Parteinahme für die Schwachen rührt, aber ich weiß, daß Marius Münstermann und Christian Werner, die für eine frühere Reportage über indische Kinder, die sich in Minen abrackern, damit wir in unserer Komfortzone über glänzende Autos und glänzende Lippenstifte verfügen, den von Gabriel beschrittenen Weg fortsetzen.

Vor mir liegt ein mit dem Stern-Logo versehener, undatierter Brief: „Liebste Schiwine“, schrieb Gabriel, meinen Namen verballhornend, „hier meine Afghanistan-Reportage. Du darfst 2x ergriffen schluchzen & mir dann alles Gute in meinen Herzensangelegenheiten wünschen. Dein Gabriel“

Er wußte, wie schwer es ist, mit Berichten über Kriege und unfähige Politiker Menschen aufzurütteln. Eine Sisyphos-Arbeit. Vielen reicht der Tellerrand oder der eigene Garten als Ausblick, es genügt ihnen, „2x ergriffen (zu) schluchzen“, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Die Revolution in der Medienwelt wirkt sich verheerend auf die unabhängige, seriöse Berichterstattung aus. In den sozialen Netzwerken wird die fundierte Auseinandersetzung mehr und mehr zur Metakommunikation. Es dominieren die Kommentare zur Kritik, während die eigentlichen Artikel oft gar nicht gelesen oder bloß angelesen werden.

„In Deutschland“, so der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in einem Interview, „haben wir doch nach wie vor gute Zeitungen, interessante, vielfältige Medien. Das heisst nicht, dass die nicht auch Fehler machen, Grenzüberschreitungen begehen, Kritik verdienen. Aber sie werden gebeutelt von einem fatalen Zusammenspiel von Refinanzierungskrise und Vertrauenskrise. Das ist ja die ungelöste Ein-Millionen-Euro-Frage. Wie kann man Qualität refinanzieren? Mit Dreck können Sie sehr viel Geld verdienen. Aber eben nicht mit Qualität, die ist teuer in der Produktion.“ (Falter 19/18, S.28) Damit so hervorragende junge Journalisten und Photographen wie Marius Münstermann und Christian Werner eine hochwertige Qualitätsreportage über den Kampf um den begehrten Thunfisch vor der westafrikanischen Küste liefern können, bedarf es jedoch nicht nur finanzieller Mittel, sondern auch des Mutes und der Überzeugung, daß es sich lohnt, an der Seite von Meeresschützern wie den radikalen Umweltaktivisten Sea Shepherd für eine bessere, eine gerechtere Welt zu kämpfen. Denn nur durch Aufklärung, durch Empathie mit den Rechtlosen, den gewaltsam Unterdrückten, im Kampf gegen die Ausbeuter, die Seeräuber und Menschenräuber erlangen wir ein anderes, kritisches, politisches Bewußtsein, werden wir, was die meisten von uns noch nicht sind: ergriffene Leser und Leserinnen mit Veränderungswillen.

Ich gratuliere Ihnen, Marius Münstermann und Christian Werner, sehr herzlich zum Gabriel-Grüner-Stipendium 2018 und wünsche ihnen alles Gute bei ihren Recherchen vor der Küste Gabuns und alles Gute in ihren – wie Gabriel sagen würde - „Herzensangelegenheiten“. Passen Sie auf sich auf!