Zeitenspiegel Reportagen

Wer wir sind

Zeitenspiegel ist eine Partnerschaftsgesellschaft. Die zwölf Partner und der lange Holztisch in der Stuttgarter Zentrale bilden den Kern der Agentur. Dabei arbeitet Zeitenspiegel als Kooperative: Partner, feste Mitarbeiter und Angestellte erhalten den gleichen Lohn. Die Geschäftsführung wird jedes Jahr neu aus diesem Kreis gewählt. Mit diesem Prinzip expandiert Zeitenspiegel kontinuierlich.

Erstes Kind war der Kindergarten „Zeitenspiel“, ein Stockwerk unter der Zentrale, 1996 geboren. Es war ein Wunschkind, denn auch wir haben Kinder und dazu Arbeitstage, die eher nicht mit den Öffnungszeiten anderer Kindergärten kompatibel sind. Danach kam der Hansel-Mieth-Preis für Reportagen in Text und Bild, einer der begehrtesten deutschen Journalistenpreise. Das muss auch so sein. Schließlich erinnert er an unser 1998 verstorbenes Ehrenmitglied, die Fotojournalistin Hansel Mieth. Ein Jahr später folgte, gewissermaßen als Ergänzung, das Gabriel-Grüner-Stipendium, das eine engagierte Reportage in Text und Bild finanziert. Am liebsten vergibt es die Jury für solche Vorhaben, wie sie unser 1999 im Kosovo ermordeter Freund und Kollege Gabriel Grüner selbst gerne realisiert hätte. Das vorerst letzte Kind ist (in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Reutlingen) eine Reportageschule, die den Namen eines Großmeisters der Geschichten über kleine Themen trägt: den unseres 2005 verstorbenen Mitglieds Günter Dahl.

Zeitenspiegel engagiert sich letztlich auch bei der Sozial- und Friedensarbeit. Mit der Reihe „Peace Counts“ spürt die Agentur Friedensmacher weltweit auf, analysiert ihr Vorgehen und gibt ihre Vorbilder weiter, verbindet Journalisten über die Kontinente miteinander und schafft ein Friedensnetzwerk. Mit der Reihe „Culture Counts“ geht Zeitenspiegel positiven Effekten multikulturellen Wirkens nach. Multikulti — oft als Unwort oder negativer Kampfbegriff verschrien, gibt für Zeitenspiegel eine Blaupause ab für die vielen Geschichten über das meistens so positiv Erwachsene, wenn Kulturen zusammenkommen, aber auch Arm und Reich, Jung und Alt.

Ein Zeitenspiegel-Bild käme also am ehesten einem Mosaik gleich. Was uns zusammenhält, illustriert ein Erfahrungstext aus dem Jahr 2003:

Ein Häuschen in der Toskana oder im Süden Frankreichs und dort fern vom Alltagsärger dem Gesang der Zikaden lauschen — wer möchte das nicht? Gedacht, getan. Helga Müller* erfüllte sich diesen Lebenstraum und kaufte sich in der Provence ein. Das Glücksgefühl schob die Realität beiseite, und so kam es, dass der Coup eine Nummer zu groß geriet. Musste es gleich ein Bungalow-Hotel sein, ein Sahnestück, wie Makler sagen würden? Und was nützt das schönste Haus, wenn das Personal fehlt, ohne das ein Hotel nun mal nicht betrieben werden kann?

Es ist Juni, Hochsaison, und Helga Müller* kommen die ersten Bedenken. Wie soll sich die Aquise rechnen? Der Kaufpreis hat eine tiefe Delle in ihrem Bankkonto hinterlassen. Ein leeres Hotel, das ist mehr Alp- als Lebenstraum. Frau Professor beschließt, zu handeln. Das Personal für den Service — Rezeption, Zimmermädchen, Büro — ist bald gefunden. Was fehlt, ist ein Koch. Ein guter Koch. Doch woher nehmen auf die Schnelle?

In der Stunde der Not bekommt Helga Müller* unerwartet Hilfe:
Ein Freundin rät ihr, es bei der Reportage-Agentur Zeitenspiegel im schwäbischen Endersbach zu versuchen. Dort arbeitet ein Autor, der nicht nur gut schreiben, sondern auch göttlich kochen könne. Philipp Maußhardt.

Nun kann der Autor zwar gut, vielleicht sogar göttlich kochen, aber er ist dennoch nur ein Hobbykoch, der liebe Freunde bewirtet, aber noch nie eine Restaurantküche geführt hat. Und ausgerechnet der soll als Profi einspringen, in Frankreich, dem Land der Gourmets? Dem Hobbykoch wird mulmig. Er bittet einen Freund um Hilfe. Der ist Fotograf beim Zeitenspiegel und kein Koch, aber man macht sich gegenseitig Mut und dann einen Crashkurs beim Sternekoch Vincent Klink auf der Stuttgarter Wielandshöhe.

Crash für einen Tag, das ist nicht viel. Aber das Rad dreht sich nun und ist nicht mehr anzuhalten. Zwei Praktikantinnen der Reportage-Schule, den Duft der Provence schon in der Nase, wollen mitkommen und als Kellnerinnen aushelfen. Nun fehlen nur noch die Küchengeräte — die Vorbesitzerin des Hotels hat sie mitgenommen. Also plündern Philipp Maußhardt und Uli Reinhardt sowohl die eigene Küche als auch die beim Zeitenspiegel, verladen die Gerätschaften samt einem Kühlschrank in zwei Kombis und machen sich auf den Weg.

Es ist Samstag. Auch das Laisser faire unserer französischen Nachbarn ersetzt nicht die Lizenz für den Betrieb eines Restaurants. Doch ganz so schlimm wie in deutschen Amtsstuben geht bei den Franzosen nicht zu. Der künftige Koch und sein Freund laden Bürgermeister und Gemeinderat des kleinen Ortes zu einem Sechs-Gänge-Menü ein. Das überzeugt die kommunalen Größen. Ganz offensichtlich, verkündet der Ortsvorsteher, stehe das künstlerische Talent der Gastköche weit über bürokratischen Zwängen. Und Kunst ist lizenzfrei. Ein Machtwort.

Derart geadelt, gehen die beiden Künstler ans Werk, blättern Rezepte und kochen, aber nicht nur. Sie sollen über das Abenteuer auch schreiben. Eine Hamburger Sonntagszeitung möchte die Erlebnisse der Hobbyköche in einer dreiteiligen Serie vermarkten, ein Gourmet-Magazin die kulinarische Bilanz ziehen. Hinzu kommen zwei Kolumnen – das volle Programm.

Nur der altmodische Gasherd in der Küche macht den Enthusiasten zu schaffen. Zwei der fünf Flammen müssen bereits morgens gezündet und in Betrieb bleiben. In der Mittagshitze, und das heißt für die Küche 50 Grad, würden sie sonst nicht wieder anspringen.

Sommer in der Provence können heiß werden, und dieser Sommer ist heißer als alle anderen. Ganz in der Nähe des Hotels wüten wie auch in Spanien, Portugal und Griechenland verheerende Waldbrände. Wieder meldete sich eine deutsche Illustrierte: Das sei doch ganz in der Nähe, und da könnten sie doch gleich mal nachsehen…

Kein Problem für die beiden Reporter, aber ein Problem für die Hotelküche. So lässt sich der Schichtbetrieb nicht aufrechterhalten. Obendrein geraten sich die zwei Praktikantinnen mit der Hotelchefin in die Haare Alle drei reisen ab. Autor Maußhardt und Fotograf Reinhardt bringen die Kontrahenten zu den Flughäfen Nizza und Marseille, nutzen die Zeit zur Seelenmassage. Das hilft, Bedienung und Frau Professor kehren zurück.

Trügerischer Friede für zwei Tage, dann ein neuer Eklat. Allein gelassen, müssen die beiden Hobbyköche jetzt selbst servieren, abräumen und spülen. Tapfer bekochen sie täglich dreißig Hotelgäste und die Laufkundschaft. Die sehen die Entwicklung mit Sorge. Geplagt vom Mitleid für die taumelnden Dilettanten erscheinen sie in der Küche und helfen beim Spülen. Die Katastrophe scheint abgewendet.

Vier Wochen später hat Philipp Maußhardt fünf Kilo abgenommen, Uli Reinhardt ist urlaubsreif und kurz davor, nie wieder einen Kochlöffel anzufassen. Bei der Monatsabrechnung befürchten sie Schlimmes. Vier Wochen haben sie gegen jede wirtschaftliche Vernunft nur die besten Produkte bei Metzgern, Fisch- und Lebensmittelhändlern eingekauft und neue Freunde gewonnen. Aber wie wird der Kassensturz aussehen?

Überraschung: Die Mischkalkulation Restaurant-Journalismus, die Ausgaben für die Einkäufe auf der einen Seite und die Einnahmen für die Speisen sowie das Honorar für die Reportagen und Kolumnen auf der anderen weisen einen dezenten Gewinn aus.

Was sagt das Happyend über Zeitenspiegel? Wer hier arbeitet, muss flexibel und belastbar sein, Qualität über Rendite stellen und auf Menschen zugehen können. Träume auch umzusetzen, das ist mehr, als unsere Branche gemeinhin von sich behaupten kann.

*Name geändert