Zeitenspiegel Reportagen

Zurück in die Steinzeit

Erschienen in "Daheim in Deutschland", 19.09.2011

Von Autorin Eva Wolfangel

Hans Ulrich ist einer der letzten Steindruckmeister. Es gibt nur noch eine Handvoll Menschen, die dieses 200 Jahre alte Handwerk verstehen und nur einen weiteren Meister in Deutschland. Schon für die Meisterprüfung musste Ulrich sich die Steine aus dem Weg räumen.

Etwas stimmt hier nicht. Ist das hier nicht die Werkstatt eines Steinmetzes? Beschlagene Steine in der Größe von Gehwegplatten soweit das Auge reicht, aber der Geruch nach Farbe und Lösungsmitteln irritiert. Und auch der Handwerker selbst will nicht so ganz ins Bild passen: Er hat etwas zu schmale Schultern, um als Steinmetz durchzugehen. Außerdem trägt er einen farbverschmierten Kittel und statt eines Meißels eine Farbrolle, mit der er über einen Stein walkt, immer wieder, wie ein Pizzabäcker über einen störrischen Hefeteig.

Hans Ulrich aus Esslingen bei Stuttgart ist einer der letzten Steindrucker in Deutschland. Dafür sieht der Mann mit den langen Zottelhaaren und dem liebevoll zur Seite gegelten Zwirbelbart noch recht jung aus: In der Tat, als der heute 44-Jährige vor 20 Jahren sein Handwerk in Eigenregie erlernte, war der Steindruck schon lange aus der Mode. Das Verfahren war vor 200 Jahren aktuell, “ein Brüller”, wie Ulrich sagt: “Das war so angesagt, wie wenn man heute in Windkraft investiert, oder in Nanotechnik.” Aber Ulrich ist 200 Jahre zu spät dran, weshalb die meisten Menschen mit dem Wort der Lithografie heute wenig anfangen können. Lithografie bezeichnet sowohl das Verfahren des Steindrucks, als auch das Ergebnis, die gedruckten Bilder. Der Steindruck wurde 1798 von Alois Senefelder erfunden und entwickelte sich schnell zur erfolgreichsten Drucktechnik im 19. Jahrhundert, weil er farbige Drucke in größerer Auflage ermöglichte.Der Offsetdruck, mit dem bis heute Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gedruckt werden, machte dem Steindruck in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Garaus. Auch wenn Ulrich das nicht gerne vergleicht: “Steindruck ist mehr als reine Vervielfältigung”, sagt er. Das Original eines Kunstwerkes entsteht hier erst durch den Druck, vorher gibt es nur eine Zeichnung auf Stein . Das kann man sich vorstellen wie beim Linoldruck in der Schule, wo das Kunstwerk zuerst in eine Linoleumplatte geritzt und dann wie ein Stempel auf das Papier gedrückt wird: Das Bild wird erst durch seinen Abdruck sichtbar.

Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Im Gegensatz zum Linoldruck wird hier nichts ins Material geritzt, sondern das Bild wird mit einer Farbe auf Fettbasis auf den Stein gezeichnet. Damit sind alle Stellen, auf denen Farbe ist, gegen Feuchtigkeit imprägniert - wie ein Lederschuh, der vor der Wanderung mit Lederfett behandelt wird. Vor jedem Druckvorgang wischt Ulrich mit einem nassen Tuch über den Stein, so lange, bis dieser ordentlich vollgesaugt ist. Nur an den Stellen der Zeichnung bleibt der Stein trocken: Hier perlt das Wasser ab, wie der Regen am erwähnten Wanderschuh. Wenn Ulrich anschließend mit seiner Farbrolle die fettbasierte Druckfarbe über den Stein walkt, perlt diese wiederum von den nassen Flächen des Steins ab, da sich Fett und Wasser nicht vermischen (aus dem gleichen Grund bilden sich beispielsweise auch Fettaugen auf der Suppe). Die Druckfarbe bleibt also nur an den trockenen Stellen haften: dort, wo die Farbe des Zeichners den Stein quasi imprägniert hat. Anschließend legt Ulrich das Papier auf den Stein und drückt es mittels einer Druckpresse fest auf: Der Abdruck erscheint auf dem Papier, vergleichbar mit einem Stempel.Für jede Farbe gibt es einen eigenen Stein, sie werden übereinander gedruckt und lasieren sich dadurch zu vielfältigen Farbtönen. Sieben bis 15 verschiedene Farbsteine brauchten die alten Druckermeister des 19. Jahrhunderts pro Bild. “Heute ist man in Farbchemie etwas weiter”, sagt Ulrich und grinst. Schließlich genügen dem modernen Druck drei verschiedene Farben, um alle Töne zu erzeugen.

Sein heutiges Motiv erschien einst in einem historischen Kinderbuch von 1910. “Windchen” von Sybille von Olfers liegt aufgeschlagen mitten auf dem großen Tisch in der Werkstatt. Ein farbenfrohes Bilderbuch. Gedruckt wurde es einst im Esslinger J. F. Schreiber-Verlag – per Steindruck. Das ist gleichzeitig Ulrichs Standortvorteil: Als nach dem Niedergang des Steindrucks das alte Betriebsgebäude des Verlages 1974 abgerissen wurde, rissen sich die Esslinger die Druckformen unter den Nagel. “Wer weiß, wozu man die alten Steine brauchen kann”, mag sich mancher Schwabe gedacht haben, als er die Druckformen in den Keller räumte oder als Blumenuntersetzer, Zierstein und ähnliches ins eigene Heim integrierte.

Nun tauchen die historischen Druckformen nach und nach wieder auf, wenn Leute umziehen oder den Keller ausmisten. “Steine sind schwer, sie verschwinden nicht so schnell”, sagt Ulrich mit einem Siegergrinsen. In Esslingen ist er längst eine lokale Berühmtheit, als eines Wissens einziger Steindrucker weltweit sammelt er systematisch historische Formen. Wer in seinem Keller alte Steine findet, denkt zuerst an ihn. “Oft ist leider nur die Schwarzform erhalten, weil man darauf am meisten erkennt”, sagt Ulrich. In solchen Fällen koloriert er die Bilder von Hand nach. Vom Windchen-Motiv glaubt er, alle Steine zu haben - eine kleine Sensation. Ein Laie erkennt auf den Farbsteinen wenig, schon gar nicht, um welche Farbe es sich handelt. Als gelernter Retuscheur hat Ulrich einen Blick für Farben - und eine Leidenschaft dafür. Als in der Druckvorstufe die Digitalisierung aufkam, ergriff er die Flucht aus diesem Beruf. “Ich wollte etwas in die Hand nehmen”, sagt er. 1992 wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. Zuvor lernte er Steindruck autodidaktisch mittels historischer Lehrbücher und wandte sich schließlich an die Handwerkskammer, um die Meisterprüfung abzulegen. Doch obwohl Steindruck damals noch ein offiziell anerkannter Handwerksberuf war, gab es keine Prüfungskommission mehr. Nach einer allgemeinen Prüfung in Betriebswirtschaft und einer Beurteilung seiner handwerklichen Fähigkeiten durch den Leiter der Lithographieabteilung der Stuttgarter Kunstakademie erhielt er eine Sondergenehmigung. Seither ist er einer von zwei Steindruckmeistern in ganz Deutschland. Ulrich kann bescheiden leben von seinen Einkünften. Sein vorheriger Beruf wäre einträglicher gewesen. “Aber ich wäre unglücklich mit dem Computer.” In seinem Reich, der langgezogenen Halle mit Oberlicht, zwischen den Steinen und den alten Druckmaschinen, wirkt er sehr glücklich. Er verkauft seine Originaldrucke historischer Druckformen sowie Lithographien aktueller Künstler, die er teils selbst beauftragt, auf Märkten, in Museen und per Onlineshop. Währenddessen nimmt das Bild des “Windchen” Form und Farbe an. Nachdem er am Vortag eine Auflage von 15 Exemplaren schwarz gedruckt hat, sind auf den ersten Bildern nun hellblaue Wolken zu sehen. Ulrich walkt kraftvoll durch die Farbe und auf den Stein, legt die Blätter nacheinander passgenau auf die steinerne Vorlage und zieht sie mittels einer Kurbel durch die 160 Jahre alte Druckpresse. Über Nacht müssen die Drucke auf Büttenpapier trocknen, morgen wird er den Grünstein drucken. Ob er die steinernen Druckplatten für alle Farben hat? Dieses Geheimnis wird er erst in einigen Tagen lüften. Ein Steindrucker braucht Geduld.