Die Sibirische Schönheit
Als der Zug mit der Nummer 239, Transsibirische Eisenbahn „Jenissej“, unterwegs von Wladiwostok nach Moskau, nur noch ein schneeverstobener Fleck zwischen Häuserschluchten ist, bleiben drei Männer auf dem Bahnsteig zurück. Gebückte Gestalten huschen vorbei, die Kapuzen bis zur Nasenspitze gezogen. Die Neonanzeige am Bahnhofsturm von Nowosibirsk blinkt im ersten Morgenlicht. Temperatur: ein Grad Celsius, Niederschlagswahrscheinlichkeit: 100 Prozent, Sturmböen aus Richtung Süden.
„Ein großartiges Land“, stößt der Kalifornier hervor, Eiskristalle taumeln auf die Gläser seiner 300-Dollar-Sonnenbrille. Der Schlaks aus Mailand neben ihm sagt nichts, weil er meistens nur spricht, wenn er gefragt wird. Der dritte Mann, ein Armenier mit Wohlstandsbauch unterm Anorakfutter, stampft ohne Vorwarnung Richtung Ausgang los, die anderen beiden hinterher. Ihre Rollkoffer ziehen Schlangenlinien in den Schnee. Drei Handlungsreisende im ehemaligen Land der Verbannten. Für sie haben sibirische Mädchen am Abend zuvor ihre Bikinis aus den Schubladen gekramt.
Das Modelimperium von Tigran Chatschatrjan, dem Armenier, reicht von Russlands fernem Osten am Ufer des japanischen Meeres bis nach St. Petersburg. Dort hat er seine Agentur „Noah Models“ gegründet, dort verwaltet er die Träume von 300 Mädchen und jungen Frauen. Wie ein russischer Glücksritter Anfang des vorigen Jahrhunderts fährt Chatschatrjan ein paar Mal im Jahr mit der Transsibirischen Eisenbahn, durchrumpelt das Land im Schlafwagen. Der Nachschub für seine Kartei harrt entlang der Gleise aus, Anhalterinnen Richtung rauswärts.
Auf dem Zettel, den Olga Schukowa mit beiden Händen umklammert, steht alles, was man über sie wissen muss: 15 Jahre alt, 174 Zentimeter groß, Brust: 78, Taille: 60, Hüfte: 85. Die Blicke von Tigran Chatschatrjan und seinen beiden Begleitern heften sich auf das Blatt Papier: Damit lässt sich etwas anfangen.
Schukowa sei eines der größten Talente der Nowosibirsker Modelagentur Elite Stars, raunt eine Betreuerin im Rücken der Männer. Herzförmiges Gesicht, weit auseinander liegende Augen; am rechten Handgelenk hat ihre Katze Asja mit den Krallen einen langen Kratzer geschlagen. Keine Zahnspange, das ist wichtig.
Der Armenier dirigiert sie mit Zeitlupen-Bewegungen seiner flachen Hand. Eine leichte Drehung, Schukowa wendet sich ins Profil. Er hebt die Hand, sie streicht sich das Haar aus dem Gesicht. Der Scout prüft das, was er „die Ressourcen“ nennt. Wenn es schlecht läuft, versteckt sich unter den dunklen Haarsträhnen ein asymmetrisches Paar Ohren. Tut es nicht.
Chatschatrjan entscheidet sich schnell: Schukowa ist dabei. Andrew Silvius neben ihm setzt zu einer seiner gehauchten Adjektiv-Ketten an: „Atemraubend – süß – umwerfend“. Silvius ist Amerikaner, lebt in Mailand und arbeitet hauptberuflich als Model. In Sibirien ist er als Späher einer japanischen Agentur unterwegs. Die sucht kindlich wirkende Models mit mangagroßen Stauneaugen für Reklameposter und Modenschauen.
Ariel Mark, auch er Amerikaner, zeigt keine Regung. Kann ja jeder sehen, dass das nicht die neue Marilyn Monroe ist, die er sucht. Mark hat etwas mit dem Filmstudio Paramount zu tun; und damit man ihm das glaubt, trägt er Beverly-Hills-Bräune und einen Stapel Filmskripte mit sich herum. In Los Angeles, murmelt er, würde das alles viel schneller gehen. Er schnippt mit den Fingern. Die nächste bitte. Am anderen Ende des Raumes nimmt das erste Mädchen Reißaus. 50 andere bleiben.
Der wahre Schatz des Osten: Schöne Gesichter.
Es ist ein bisschen wie mit den Schätzen, mit denen in Sibirien die Erde vollgepackt ist. Im Boden lagern die weltgrößten Vorräte an Kohle und Erdöl, Diamanten und Gold werden in Massen gefördert. Oberirdisch gibt es ein unerschöpfliches Reservoir an Gesichtern. Jahrzehntelang verbannte der sowjetische Staat unliebsame Volksgruppen in den Osten. Deutsche von der Wolga, Tschetschenen aus dem Kaukasus, Letten aus dem Baltikum trafen auf den alteingesessenen Völkermix – Mongolenstämme und Inuit, Nomaden, Pferde- und Rentierzüchter. Ein Dreivierteljahrhundert später ist die Mischung titelseitentauglich: Mandelaugen, Elfenohren, bronzefarbenes Haar. Nicht nur schöne, sondern auch interessante Gesichter. Silvius und Mark sagen, was die weiblichen Schätze des russischen Ostens betreffe, sei Chatschatrjan der beste Bergmann, den man jenseits des Urals finden könne.
Die Chefinnen der sibirischen Modelagenturen empfangen ihn mit Auto, Chauffeur und einem großen Teller Schokoladenkonfekt. Nur Chatschatrjan hat die Kontakte zu den Auftragnehmern in China, Japan, England und Frankreich. Er pickt sich die Mädchen heraus, die auch in jenem Teil der Welt Erfolg haben werden, in dem der Schnee nicht so lange liegen bleibt, bis Kohlenruß ihn schwarz gefärbt hat.
Nowosibirsk sieht an vielen Ecken wie eine Trödeltruhe hingeklotzter Sowjetarchitektur aus. Die Laufstege von Mailand und Paris sind nicht nur in Kilometern gemessen weit entfernt. Aber das Casting im linoleumbewehrten Jugendsportzentrum rückt den großen Traum ein gutes Stück näher. Etwa die Hälfte der Mädchen, die der Armenier auswählt, wird früher oder später ein Angebot aus dem Ausland bekommen.
Es gibt ab und zu ein Mädchen, das noch nicht weiß, dass 93 Zentimeter Hüftumfang mindestens zwei Zentimeter zu viel sind für ein Lagerfeld-Kostüm. Chatschatrjan bringt es ihm dann bei. Er wählt die Flüsterstimme, die nach großväterlichem Ratschlag klingt. „Also Schatz, du müsstest nur ein bisschen abnehmen.“ Er sieht ihr nach, die buschigen Augenbrauen zu einem bekümmerten Dreieck verzogen.
Im 20-Sekunden-Takt staksen die Bewerberinnen einen gedachten Laufsteg entlang und bleiben mit schlotternden Oberschenkeln vor den drei Männern stehen. In der Ecke hinter ihnen drängelt sich die übrige Gruppe wie eine Herde verängstigter Schafe. Das Neonlicht färbt ihre sonnenentwöhnte Haut olivgrün ein. Sie schlingen die Arme um ihre nackten Taillen, flüstern gebetsmühlenartig die Wörter sixteen und sixty und bringen im entscheidenden Moment ihr Alter dann doch nicht richtig heraus. Die jüngsten sind zwölf Jahre alt.
Abends, im Waggon der Transsibirischen Eisenbahn nach Omsk, macht sich Goldgräberstimmung unter den drei Männern breit. Auf den Tischen schwappt schwarzer Tee in den Gläsern, die Lüftung pustet heiße Luft in die Gesichter. Silvius scrollt auf dem Handy durch die Ausbeute des Tages. Das „Itsy-Bitsy-Mädchen“. Oder dieses: „so jung, so niedlich“. Und das Mädchen, das wie die Hauptdarstellerin des Films „Avatar“ aussieht. „Sie muss nach Paris“, sagt Chatschatrjan mit von der Arbeit schweren Augenlidern.
Und Olga Schukowa? Olga wer? Mit dem Zeigefinger wischt Silvius ein Mädchengesicht nach dem anderen beiseite. Bis er sie gefunden hat. „Ja, sie war eine der Besten.“ Er legt das Telefon beiseite. Sie müssten alle längst schlafen. In vier Stunden wird die Transsib ruckelnd in Omsk stoppen. Schneeflocken laufen als Rinnsale am Fenster hinab. Für die nächsten Tage sind sinkende Temperaturen angesagt.
Alter 15. Höhe der Absätze 20 Zentimeter.
Die Scouts sind weg, und Olga Schukowa findet, schmuddelige Feriennachmittage seien wie geschaffen, um an der Zukunft zu basteln. Erst vor ein paar Wochen ist sie von ihrem ersten Model-Job in China zurückgekehrt, sie will schnell wieder fort. Im Treppenhaus der Agentur Elite Stars trippelt sie von einem 20-Zentimeter-Absatz auf den anderen. Sie trägt den gleichen Bikini wie bei der Begegnung mit dem Armenier, schwarzweiß gestreift mit Schleifchen zwischen den Brüsten. An der Wand lehnen Leiter und Wischeimer, eine Putzfrau drängelt sich vorbei.
Für die Kunden in Ostasien wird ein Video aufgenommen. Die Kamera zoomt auf Schukowas Gesicht. Jetzt schmuggelt sie in ihren Blick all die Reife, die ein Mädchen haben kann, das gerade seinen 15. Geburtstag mit Nachmittagstee und Kuchen gefeiert hat. Die Stimme spielt nicht mit. Jeder englische Satz ist ein quietschendes Ausrufezeichen. „Ich komme aus Russland. Ich habe in China gearbeitet. Ich möchte mehr Länder sehen.“ Olga mag Volleyball, Eis und natürlich das Modeln.
Mit zwölf Jahren tauchte sie zum ersten Mal bei einem Casting auf. Ihr Vater brachte sie. Die Leute von Elite Stars erkannten in dem Kind Olga sofort das Mannequin von morgen und holten sie auf ihre Modelschule.
In der Sporthalle des Lyzeums Nummer zwei, „Hoffnung Sibiriens“, lernen schon Vierjährige, wie man beim Defilee den Rücken zum Hohlkreuz biegt. Grundschülerinnen posieren so lange auf einem Bein, bis die Oberschenkel beben, und versprechen von nun an Buchweizen statt Mars-Riegel zu essen. Die Mütter am Rande zählen die Tage bis zum Sendestart der russischen „Topmodel“-Show.
Karina, zehn Jahre alt und im Hello-Kitty-Shirt, kämpft damit, auf ihren High Heels nicht aus der Kurve zu kippen. Das Mädchen solle lernen, sich zu präsentieren, sagt die Mutter. „Das kann nützlich sein im Leben.“ Wofür genau, sagt sie nicht. Als die Tochter ihr nach dem Unterricht entgegenstolpert, empfängt die Mutter sie mit den Worten: „Nimm mal dein Haar aus dem Gesicht.“
Die Gruppen in der Modelschule treffen sich zwei- bis dreimal in der Woche, insgesamt etwa sechs Stunden. Das kostet die Eltern alle drei Monate 230 Euro – eine hohe Investition in die Zukunft bei einem Nowosibirsker Durchschnittslohn von monatlich 380 Euro. Die Hoffnungen richten sich darauf, dass später die Rendite stimmt.
Olga Schukowa lernte schnell. Ein Mangel an Ehrgeiz war noch nie ihr Problem. Sie läuft den Kilometer in dreieinhalb Minuten und hatte noch nie eine Drei im Zeugnis. Sie weiß nun, dass man zu einem Fotoshooting niemals mit Strumpfhosen aufkreuzt, die dicker als 20 den sind. Und dass ein Model, wenn es fotografiert wird, durch den Mund atmet, um die Lippen zu entspannen. An der Kaffeetafel am Sonntagnachmittag drängt ihr Vater ihrem Bruder ein zweites Stück Hefekuchen auf und bietet ihr Baby-Obstmus an. Da gluckst sie nur und isst nichts von beidem.
Schukowa lebt in Krasnoobsk. Es ist eine jener Satellitenstädte, wie sie um jede russische Millionenstadt dutzendfach wachsen. Von hier flüchten die Menschen zur Arbeit und kehren nur zum Schlafen zurück. Ein Architekt hat versucht, in Krasnoobsk mit Hochhausklötzen die Olympischen Ringe nachzuformen – und mittendrin aufgehört. Schornsteinrauch färbt Autos und Häuser pfützengrau, die Straßen tragen Nummern. Neben den maroden Plattenbauten schrumpfen die Menschen.
Wenn Olga Schukowa wagemutig sein will, schleicht sie sich in den zwölften Stock des höchsten Gebäudes weit und breit, schaut sich Russland jenseits des Stadtrandes an und sieht bis zum Horizont nichts als klapperdürre Birken. Sie mag diesen Ausblick. Das Leben in einem Landstrich, in dem die nächste Stadt immer eine Nachtzugreise entfernt ist, erschien ihr früher nie als Sackgasse. Sie wollte Ärztin werden wie ihre Mutter.
Die meisten von Schukowas Klassenkameraden sehen das ähnlich. Sie denken nicht westwärts, an Moskau oder darüber hinaus; höchstens an den Burger, den sie am Nachmittag im Fastfood-Tempel an der Hauptstraße kaufen wollen, dem angesagtesten Laden der Stadt. Sie wollen später studieren. Universitäten hat die Stadt genug, und die Arbeitslosenquote liegt nur knapp über dem Landesdurchschnitt. Nowosibirsk ist kein Ort mehr, den man ohne guten Grund verlässt. Im vergangenen Jahr wurden erstmals seit 19 Jahren wieder mehr Kinder geboren, als Einwohner starben.
Die Mädchen, die im IKEA-Restaurant Hackfleischbällchen bergeweise futtern und die anderen, die beim Skilaufen im Wald an der Figur arbeiten, kommen aus denselben Hochhäusern, aus ähnlichen Familien. Ihre Väter sind Fernfahrer, Möbelhändler, Mitarbeiter eines Ölkonzerns, die Mütter Buchhalterinnen, Physiotherapeutinnen oder Hausfrauen. Nur eines unterscheidet die einen Mädchen von den anderen: Die einen haben gemerkt, dass ihre Hüften schmal genug sind; sie haben über den schwindsüchtigen Birkenwald hinweggeschaut und zu träumen begonnen.
Und zahlreiche Agenturen in Sibirien bedienen diesen Traum. Allein in Nowosibirsk gibt es acht. Sie rangeln um jedes neue Gesicht, veranstalten an den Universitäten Wettbewerbe. Elite Stars hat gerade die Universität für Agrarwissenschaften an die Konkurrenz verloren. Modelschulen, Haarstudios, Make-up-Artisten, Modefotografen, Dekorateure: Rund um die Schönheit ist eine Industrie entstanden: Im Telefonbuch stehen 154 Schönheitssalons.
Olga Schukowa denkt darüber nach, Übersetzerin zu werden. Sie spricht von einem eigenen Hotel in New York City. Ihre Eltern nähme sie mit. Aber erst einmal will sie etwas anderes.
Das Londoner Büro der Agentur „Next“ hat sie eingeladen. Sie ist bloß noch etwas zu jung für den europäischen Markt. Ein Engagement in Singapur ist im Gespräch, vielleicht in den Sommerferien. Chatschatrjan, der Armenier, sagt, Asien sei wie ein Kindergarten für Models. Es gibt wenig Konkurrenz, sie können dort Erfahrungen und Fotos für ihre Mappe sammeln. Danach kommen Europa und die USA. Wenn die Schukowa irgendwann ganz oben ankommen möchte, braucht sie einen Vermittler wie ihn.
Er vergleicht Frauen gern mit Autos. Sie seien wie ein Porsche ohne Motor, sagt er. Niemand würde Geld – „sagen wir mal 300.000 Dollar“ – für sie ausgeben. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die besten aller Motoren einzusetzen. Wenn er damit beginnt, stellt er stets die gleiche Frage: „Was bewirkt Geld?“
Studieren? Zeitverschwendung. Es geht ums Geld, Mädchen!
Chatschatrjan sitzt buddhagleich auf einer Couch in einem Omsker Betonblock, drei ausgewählte Kandidatinnen hocken ihm gegenüber. Am Fenster rauschen Autos vorbei, denen der Straßenschlamm bis aufs Dach spritzt. Keine von Chatschatrjans Bewegungen ist unbewusst. Er lässt die Arme über die Lehnen baumeln und gibt den Gentleman. Er faltet die Hände im Schoß und wird zum Philosophen, der lang gehütete Geheimnisse teilt. Also: „Come on, dear – was bewirkt Geld?“ Chatschatrjan gibt die Antwort nie selbst. Er wartet, auch wenn es quälende Minuten dauert, bis das erlösende Wort fällt. Und er wiederholt es dann so laut, dass sein Klang im weiß getünchten Raum schillert und funkelt. „Geld gibt Freiheit!“ Stummes Nicken auf der Sofagegenseite.
Was die Mädchen mit dieser Freiheit anfangen sollen, sagt er ihnen auch. „Ihr seid mit eurer Arbeit verheiratet. Wenn ihr reif genug seid, sucht ihr euch die Männer aus, nicht sie suchen sich euch aus.“ Er warnt die Mädchen davor, die Fehler ihrer Mütter zu wiederholen. Jung schwanger zu werden, im Frust zu altern. Er drängt sie, aus Sibirien fortzugehen. Ein Mädchen protestiert: „Aber ich mache gerade mein Examen.“ Chatschatrjan verbirgt seinen Spott schlecht: „Wie viel wirst du verdienen? 500 Dollar im Monat?“ – „Weniger. Aber ich habe fünf Jahre für meinen Abschluss gearbeitet.“ Er ist unbeeindruckt. „Du verschwendest hier deine Zeit. Du musst sofort weggehen. Danach kannst du studieren, wo und was du möchtest.“ Er lässt dann noch die Wörter Harvard, Stanford und Oxford fallen.
Bei diesen Ansprachen streut Chatschatrjan immer ein paar Fremdwörter ein. Die anderen dürfen ruhig merken, dass er in Berkeley, USA, Elektrotechnik studiert hat, bevor er kurz nach der Perestroika in den Osten zurückzog, um in Russland das Modelbusiness aufzubauen.
Die ärmsten und vielversprechendsten Bewerberinnen holt er auf eigene Kosten nach St. Petersburg in ein Model-Apartment. Dort trainiert Chatschatrjan ihnen das schiefe Lächeln ab und richtet krumme Zähne. Die Models, vor allem jene, die Karl Lagerfeld und John Galliano getroffen haben, sprechen voller Bewunderung von ihm. Chatschatrjan selbst spricht von Rettung. „Was für eine Zukunft erwartet sie denn in Sibirien? Trostlosigkeit oder Prostitution.“ Er hat seine Agentur nicht zufällig Noah Models genannt. Er ist Noah und die Transsibirische Eisenbahn seine Arche.
Kaum sind am Abend die grau-derben Bettdecken im Schlafwagen der Transsib bezogen, beginnen die drei Scouts, den Tag in Omsk auszuwerten. „Schaut mal, ihr linkes Lid hängt ein wenig“, sagt Silvius vergnügt. Er hat einen Blick für diese Kleinigkeiten. Er achtet besonders auf Kinngrübchen, weil Japaner Models mit Kinngrübchen nicht mögen. Er selbst hat schon früh gemerkt, dass sein Auge und sein Ohr rechts etwas tiefer liegen als links. Aber er hat gelernt, damit zu leben. Er ist nun 46 Jahre alt, und für Hochglanzmagazine wird er immer noch an der Seite 18-jähriger Teenager fotografiert.
Chatschatrjan schaut durch alle Bilder hindurch. „Eine Sekunde verändert ihr Leben“, sagt er, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „In drei Jahren werden sie fünf Millionen Dollar im Jahr verdienen.“ Bei diesem Gedanken schweigen alle ehrfürchtig. Ein paar Sekunden noch begleitet das dunkle Band des Irtysch die Transsib auf ihrem Weg durch das nachtschwarze Sibirien, dann verschwindet der Fluss in der Ebene. Noch 570 Kilometer bis zum nächsten Halt, Tjumen.
Morgens Instant-Haferbrei. Danach Werbung für Dior
Aus China hat Olga Schukowa einen Plüschpanda mitgebracht, der jetzt ihr Bett bewacht. Eine Armbanduhr für ihren Bruder, die ihm schon wieder gestohlen wurde. Eine nachgemachte Marc-Jacobs-Handtasche für umgerechnet fünf Euro. Und Lotusblüten-Tee, den ihre Eltern ehrfürchtig aufbrühen. Geld hat sie nicht mitgebracht. Diesmal noch nicht.
Schukowa hat zwei Monate als Model gearbeitet und dabei 2750 Euro verdient. Die Hälfte davon hat die chinesische Agentur bekommen, fünf Prozent sind an Elite Stars in Nowosibirsk gegangen, weitere fünf Prozent als Vermittlungsgebühr an Noah Models in St. Petersburg. Der Rest reichte gerade so, um die Ausgaben zu bezahlen, den Flug nach Shanghai, Miete, Verwaltungs- und Visagebühren, Taxen und SIM-Karte. Die Mädchen, die es schon häufiger über die Grenze geschafft haben, finden das normal. Fast kein Model verdiene während der ersten Reise Geld, manch eine mache sogar Minus.
In einem Apartment in Shanghai hat Olga gemeinsam mit Ukrainerinnen, Tschechinnen und Spanierinnen gelebt. Aus der Dusche kam nach zehn Minuten nur kaltes Wasser. Morgens kochten sie 120-Sekunden-Porridge in der Mikrowelle, am Abend spielten sie Twister oder legten die einzige englischsprachige DVD mit dem Vampirfilm ein.
Auf Olga Schukowas Computer sind Hunderte Bilder gespeichert, von Bären im Shanghaier Zoo, schwarz gebratener Entenbrust und kichernden Jugendlichen in einem Kleinbus. Fotos wie von einem Schulausflug. Von Modenschauen und Fotoshootings ist nur wenig zu sehen. Schukowa weiß nicht mehr, wie der Designer hieß, in dessen Auftrag sie drei Tage lang mit ins Haar geflochtenen Flaschen durch ein Einkaufszentrum schlendern musste. Einmal sollte sie einen neuen Dior-Lippenstift promoten und dazu ein „special face“ machen. Sie hatte keine Ahnung, was das ist, und wurde nicht wieder eingeladen. Ihre beste Freundin Nadja Schawscha sagt, Olga sei nach ihrer Rückkehr aus China eine andere gewesen. „Sie hat anders gesprochen, über andere Themen.“ Schawscha mag den Modeljob nicht. „Nicht mein Ding.“ Während Schukowa posierte, schloss sie in Nowosibirsk einen Kunstkurs mit „ausgezeichnet“ ab.
Einmal haben die Freundinnen aus dem achten Stock Eier auf Autodächer geworfen. Ein anderes Mal haben sie versucht, ihren Hamstern in der Badewanne das Schwimmen beizubringen. Das waren früher die einzigen Verrücktheiten, über die sie kicherten. Auf einer rostbeuligen Hollywoodschaukel im Hochhauswald von Krasnoobsk erzählt Schukowa ihrer Freundin jetzt von den Mädchen in Shanghai, die rauchten und tranken. Sie hat aus China mehr mitgebracht, als man sehen kann. Auch 19 neue Facebook-Freunde, die von der Welt erzählen.
Als Chatschatrjan, Mark und Silvius in den Sportsaal von Tjumen wie in ein antikes Kolosseum schreiten, starren die Mädchen nur Ariel Mark an. Er sieht am meisten nach dem Land „Weit-Weit-Weg“ aus. Mark trägt die Sonnenbrille immer bei sich, als hoffe er, die Sonne könnte den Kampf gegen die schneebeladenen Wolken jeden Moment gewinnen. Er sagt, sein Zuhause seien die Flugzeuge dieser Welt. Aber er ist erst 21 Jahre alt, und als die Mädchen kichern, windet er sich wie ein Schuljunge.
Mark weiß über die Historie des Model-Business und seine Stars ziemlich gut Bescheid. Er sagt, er habe das „studiert“. Er sucht das erste richtige russische Supermodel. Ein Mädchen, das er vom Internet-Videokanal bis zum eigenen Parfüm rundum vermarkten kann.
Wenn Mark nach seiner „Eine-Million-Dollar-Marke“ fahndet, verkriecht sich Silvius am liebsten in die gegenüberliegende Zimmerecke. Er fotografiert und filmt die Mädchen unermüdlich: Profil, Frontalansicht, Nahaufnahme, zweimal „Big Smile“. Ein geschmeidiger Mann, der sich auch ohne Kamera bewegt, als stünde er davor.
Mark hat unterdessen fünf junge Frauen um sich geschart. Alle haben Angelina-Jolie-Kurven und angedeutet, dass sie sich etwas mit Schauspielerei vorstellen können. Mark stülpt die Lippen vor und schließt ein Auge zu einem halben Zwinkern. „Ich sehe dich als Superwoman in einem Film“, schnarrt er in Richtung eines Mädchens.
Er empfiehlt vor allem sein Skript zum Film „Sex Machine“. Darin soll es darum gehen, Frauen „nicht länger als Objekt zu betrachten“. Die Dreharbeiten werden so bald wie möglich in der kasachischen Hauptstadt Astana beginnen, laut Mark ein Ort, den die US-Filmindustrie bislang völlig zu Unrecht links liegen gelassen hat. Eingeplant sind höchstens zwei Monate Drehzeit, danach will er nach Cannes.
“Nach 955 Bildern hört der Model-Scout auf zu zählen”
An diesem Abend verpassen Mark und Chatschatrjan beinahe den Anschlusszug nach Jekaterinburg. Mark hatte sich noch schnell im Hotelzimmer massieren lassen und war dabei eingedöst.
Außer Atem reißt der Armenier die Tür zu seinem Waggon auf. Durch die schulterbreiten Korridore der dritten und zweiten Klasse hat er sich bis zu seinem Erste-Klasse-Zugteil durchkämpfen müssen. Er brummt etwas von „widerlichen Essensgerüchen“. Chatschatrjan spricht erst wieder, nachdem er an einer seiner seltenen Zigaretten gezogen hat, handgedreht, direkt aus der 5th Avenue in New York. Den angebotenen Alkohol lehnt er ab. Er schwört auf armenischen Wodka. Aber der wird in der Transsibirischen Eisenbahn nicht einmal unter der Hand verkauft.
Chatschatrjan schätzt, dass in den Agenturen in Europa und in den USA mindestens die Hälfte aller Karteien mit Russinnen belegt ist. Es gibt mehrere Gründe dafür. Von einer Russin, die einen Stardesigner anmotzte, hat zum Beispiel Silvius noch nie gehört; von einer US-Amerikanerin, die das tat, dagegen schon oft. Und Mark mag die Frauen aus dem Osten, weil sie für ihn einen „klassischen“ Typ verkörpern. Walzer statt HipHop. Nähnadel statt Piercing. Vor allem eint die Mädchen der unbedingte Wille, Russland hinter sich zu lassen. Es sind so viele, dass Chatschatrjan sagt: „Wir überfluten den Markt, das macht ihn kaputt.“ Er lacht, aber er meint es nicht als Scherz.
Silvius hatte bereits nach dem ersten Tag der Tour 955 Bilder gemacht, danach hat er aufgehört zu zählen. Er hat so viele Mädchen gefunden, die „unbedingt gehen“ müssen, dass auf keinen Fall jede von ihnen gehen kann. Chatschatrjan will sie am liebsten alle rausholen, aber sein Rettungsboot hat nicht unendlich viele Sitze.
Immerhin Olga Schukowa hat einen Platz ergattert. Auf der Homepage von Noah Models wird sie jetzt unter den „Neuen Gesichtern“ geführt. Ein paar Wochen nach dem Trip meldet sich die Agentur Dolls aus Taipeh in St. Petersburg. Die Taiwanesen mögen die neuen Bilder und das Video von diesem russischen Mädchen. Sie finden, sie habe den „perfekten Style“ für die kommende Saison. Auch die Agentur aus Singapur ruft wieder an. Sie will Schukowa gleich nach Taiwan für zwei Monate buchen.
Olga Schukowa hat im Internet nachgelesen. Sie weiß jetzt, dass Taiwan eine Insel ist, und dass die Währung in Singapur auch Dollar heißt. Der Rest wird sich finden. Die Sommerferien sind zu kurz für zwei Modeljobs, sie wird wohl einen Monat in der Schule fehlen. Schukowa zuckt mit den Achseln. Im ersten Monat nach den Ferien ist im Unterricht sowieso noch nicht viel los. Das holt sie locker auf. Es wird ein langer Sommer. Olga Schukowa aus Sibirien, 15 Jahre alt und Model, will herausfinden, ob es in Taiwan Pandabären gibt.