Zeitenspiegel Reportagen

Grüß mir die Wolken

Erschienen in „LANDLUFT – das Remstal-Magazin“, 1/2012

Von Autorin Sigrid Krügel

Sie nennen ihn das „Köpfle“ und sich selbst die Köpfleshupfer: Seit 2001 starten am Kleinheppacher Kopf die Gleitschirmflieger. 452 Meter ist der Berg hoch und wenn er ruft, schweben Dutzende der bunten Segel am Himmel.

Drei Köpfe gibt’s in Korb: den Korber, den Hörnles- und den Kleinheppacher Kopf. Schon im 11. Jahrhundert wurde hier Wein angebaut. Und speziell der aus dem Ortsteil Kleinheppach war bereits im 19. Jahrhundert ein Exportschlager. „Mehrere Flaschen gingen 1825 zu Wasser nach Java und kamen im August 1826 ohne den geringsten Schaden genommen zu haben, bei einem Württemberger in Sourabaya an“, heißt’s in der Ortschronik.

Kein Wunder also, dass den Winzern die Haare zu Berge standen, als junge Männer mit bunten Segeln ihren Kleinheppacher Kopf als Startbahn nutzen wollten. „Sie hatten Angst, dass wir ihnen die Rebstöcke niedermähen“, kann sich Armin Zimmerle noch gut erinnern. Zimmerle ist selber Winzer und der Wirt vom „Trollinger“ in Weinstadt. An einem Mittwoch im Jahr 1994 haben er und acht weitere Remstäler im „Trollinger“ den Verein „Remstäler – Gleitschirm- und Drachenflug e.V.“. gegründet. Hauptziel: von den Behörden die Zulassung für einen Startplatz zu bekommen.

Grüß mir die Wolken 16636_rkw5555.jpgLos geht's: Der Kleinheppacher Kopf dient vielen Gleitschirmfliegern als Startplatz.

Bis sie freilich zum ersten Mal am Kleinheppacher Kopf abheben konnten, vergingen sieben lange Jahre. „Es war ein harter Kampf, aber am Ende haben wir gewonnen“, sagt Zimmerle. Nicht nur die Winzer waren gegen diesen merkwürdigen Sport, der erst 1987 in Deutschland erlaubt worden war. „Auch der Naturschutz war skeptisch. Es hieß, wir würden die Greifvögel stören – was heute längst widerlegt ist.“

Der Korber Gemeinderat tat sich ebenfalls schwer. Die Gleitschirmflieger wollten nicht nur am Kleinheppacher Kopf starten, sondern auch an seinem Fuß – direkt neben der Kreisstraße – landen. Was, wenn die fremden Fluggebilde die Autofahrer ablenkten und es zu Unfällen käme?

Vor einem anderen Szenario grauste es den Behörden indes noch mehr. Im Zuge der Rebflurbereinigung Mitte der 80er Jahre war die Erde am Kleinheppacher Kopf ins Rutschen gekommen. Teure Befestigungen mussten gebaut werden. Die obersten Lagen mit ihren alten Weinbergmauern wurden wieder aus der Flurbereinigung herausgenommen. Aber keiner pflegte diese Weinberge mehr. Die aufwendige Handarbeit war den Winzern zu mühsam. Die Flächen verwilderten, die Weinbergmauern verfielen. Die Angst vor einem erneuten Bergrutsch wuchs.

„Das war unsere Chance“ sagt Armin Zimmerle. „Wir boten den Behörden an, dass wir die Pflege der Flächen übernehmen, wenn wir im Gegenzug dort oben starten dürfen.“ 2001 wurde der erste Startplatz am Kleinheppacher Kopf genehmigt, 2003 der zweite. Heute können die Gleitschirmflieger an der Südwestseite des Kleinheppacher Kopfes und an der Südostseite zu dem 190 Meter tiefer im Tal liegenden Landeplatz hüpfen. Oder zu einem Langstreckenflug starten. So wie Thilo Schaber.

Thilo Schaber ist seit sieben Jahren Vorsitzender des inzwischen auf 120 Mitglieder angewachsenen Vereins. Dass er schon mal mit dem Gleitschirm bei der Schwiegermutter zum Kaffee einschwebt, wissen seine Vereinskameraden. Dort vermuteten sie ihn auch an jenem 2. April 2010, als sich der 48-Jährige partout nicht mehr am Landeplatz blicken ließ. Um 12.20 Uhr war er am Kleinheppacher Kopf gestartet und mit dem Wind Richtung Norden geflogen. Immer weiter und weiter. 110 Kilometer und vier Stunden später landete er auf einem Acker, ohne zu wissen, wo er war. „Schon in Löwenstein ist mein GPS in die Knie gegangen – das war gerade mal nach 30 Prozent der Strecke.“ Eine Bäuerin sagte ihm schließlich, wohin der Wind ihn getragen hatte: nach Lengfurt bei Wertheim am Main.

„Eigentlich kann man bei uns am Kleinheppacher Kopf nur Kreise drehen“, sagt Thilo Schaber. „Der Kleinheppacher Kopf ist ein guter Soaringberg.“ Wenn der Talwind auf den Berg trifft, bilden sich Aufwinde. „Beim Soaren braucht man keine Thermik.“ Dass an diesem Freitag alles anders war, dass Schaber von einer Thermik zur nächsten gefunden hat, „war ein Riesenglück.“ 110 Kilometer hat noch niemand vom Kleinheppacher Kopf aus mit dem Gleitschirm geschafft.

Die meisten Vereinsmitglieder sind sowieso „Genussflieger“, erzählt Sabine Hahn über sich und die anderen „Köpfleshupfer“. Vor fünf Jahren hat die Kleinheppacherin mit dem Fliegen begonnen. Stundenlang kann sie mit Gleichgesinnten am Kleinheppacher Kopf in der Sonne sitzen und auf den richtigen Moment zum Abheben warten.

Und jeden letzten Dienstag im Monat treffen sich die Remstäler Gleitschirmflieger zum Fliegerstammtisch bei Armin Zimmerle im „Trollinger“. Dann muss sich Thilo Schaber liebevollen Spott anhören, weil seinem GPS mal wieder der Strom ausgegangen ist. Und Sabine Hahn erzählt von dem Gedenkstein oben am Kleinheppacher Kopf und dass die Köpfleshupfer nicht die ersten Flieger am Köpfle waren. Am 23. April 1939 ist der 24-jährige Waiblinger Segelflieger Karl Bauer in fünfeinhalb Stunden mit seiner „Minimoa“ 304 Kilometer vom Kleinheppacher Kopf bis nach Pilsen geflogen. Auch das war – wie bei Thilo Schaber – pures Glück. Und hat sich niemals wieder wiederholt…

Wer am Kleinheppacher Kopf fliegen will: Tagesscheine gibt es am Landeplatz. Weitere Infos samt Wetterbericht unter:

www.dieremstaeler.de und www.koepfleshupfer.de