Königstreue Steppenkinder
Walerij Basangowitsch Uwuschajew lernt gerade erst, wie man Schnürsenkel zu einer Schleife bindet. Auch beim Reißverschluss der Trainingsjacke muss seine Mama ihm helfen. Aber wie er einen Gegner in 46 Zügen mattsetzt, das weiß er sehr gut. Ich starre auf das Schachbrett vor mir, mein König liegt flach. Ich habe ihn selbst umgeworfen, Walerij hätte so etwas nie gewagt, er hat Respekt vor Älteren.
Nur langsam tröpfelt die Erkenntnis in mein Bewusstsein: Ein Vierjähriger hat mich im Schach geschlagen! Als er mir seinen Turm zum Fraß vorwarf, mir also die Grube grub, in die ich fallen musste, hatte er sich mit den Knien auf den Stuhl geschoben. Seine Arme waren zu kurz, um über das Spielbrett zu reichen. Hinter mir höre ich ein Meckern. Es gehört Michail Golossja, meinem Meister. Er hat mir diesen Vierjährigen vorgesetzt. Es muss eine kalmückische Unterrichtsmethode sein: Lehre durch Demütigung.
Tage zuvor hatte ich Golossja zum ersten Mal getroffen, er schlawinerte in Gary-Cooper-Pose auf einem Treppenabsatz, Augenlider auf halb Acht, durchdringender Blick, Zigaretten Marke Chesterfield im Minutentakt. Dieser Mann, beschloss ich, sollte mir helfen.
Die autonome Republik Kalmückien im südwestlichsten Zipfel Russlands ist ein verstaubtes Land zwischen den Küsten des Schwarzen und des Kaspischen Meeres, das einzige mehrheitlich von Buddhisten bewohnte Land Europas. Die Verfassung hier heißt „Steppencode“, und Schach ist die inoffizielle Sprache der Republik. Nur wer spielt, versteht die Kalmücken wirklich. Ich wollte diese Sprache beherrschen, am liebsten fließend, auch wenn Auswärtige hier schnell als aussichtslose Fälle gelten. Ich fand, die kalmückischen Schachlehrer könnten sich an mir ruhig einmal die Zähne ausbeißen.
Golossja, Russe bis in die spärlichen Haarspitzen, trainierte an diesem Tag einen Haufen Kinder mit schmalen Mongolenaugen und rundlichen Gesichtern bei der kalmückischen Junioren-Schachmeisterschaft. Austragungsort war “Chess City”, ein weißverputzter Wurmfortsatz der Hauptstadt Elista. Die Kalmücken nennen das die Welt-Schachhauptstadt, in weniger als einem Jahr in die Steppe gemauert als Olympisches Dorf zur Schach-Olympiade 1998. Wenn Touristen in Elista stranden, können sie hier eine Wohnung mieten. Und auf Nachbarn schauen, die im Allrad-Mercedes vorfahren und im Swimmingpool plantschen.
Die streunenden Steppen-Hunde humpeln noch nicht bis Chess City. Aber an den Rändern bröckelt bereits der Beton von den Häusern, die nie fertig geworden sind. Das konfuzianische Institut hat dicht gemacht, das Casino auch, nur der Sushi-Laden “Tokio” verkauft Happen aus der Tiefkühltruhe. Auf einem Grünstreifen steht eine Betonfigur, ein Schach-Bauer in einer gebrochenen Eierschale. Was war zuerst da: Schach oder Ei?
Als ich Golossja fragte, ob er mich im Schach unterrichten würde, hat er lange nachgedacht, wirklich sehr lange. Er nahm mich dann mit in den Schachclub im Stadtzentrum, das Hinterzimmer sah aus wie die Büros in schwarz-weißen amerikanischen Detektivfilmen. Er schraubte eine Flasche mit selbstgebranntem Wodka auf, spritzte mit einem Fingerschnippen ein paar Tropfen an die Wand zu den anderen verblichenen Spritzern und goss ein. “Komm in die Schule Nummer 3, dritte Stunde, 9 Uhr.” Pünktlichkeit sei nicht so wichtig.
Über Schach wird in Kalmückien an höchster Stelle gegrübelt und entschieden. Anderthalb Seiten maschinenbedrucktes Papier vom 19. Juni 1995, Ukas Nummer 129 des Staatspräsidenten Kirssan ILJUMSCHINOW, Nachname in Großbuchstaben. Titel: “Über die staatliche Unterstützung zur Entwicklung der Schachbewegung”. Iljumschinow stiftet einen “Pokal des Präsidenten” für die beste Mannschaft, Iljumschinow gründet eine Schachakademie, er empfiehlt den Zeitungen, häufiger über Schach zu berichten. Und er führt Schach als Pflichtfach an den Grundschulen ein. Sein Porträt hängt in den Klassenräumen der Nation; er hat dieses entrückte Mona-Lisa-Lächeln. An Iljumschinow muss ich immer denken, wenn ich über Rochaden und Damenopfer den Mut verliere. Bei unserem Treffen hatte er mir von seinem Hasen erzählt, dem er beibrachte, Schlagzeug zu spielen. Dann könne ich wohl auch Schach lernen.
Aber erst einmal habe ich Geschichte gelernt.
Schon lange bevor Dschingis Khan die Mongolen einte, spielte das Steppenvolk Schach in den eigenen Zeltwänden. Der König hieß Khan, die Dame war damals der “Berater”. Um das Paar herum wachte eine Bastion aus zwei Ochsen, zwei Pferden, zwei Kamelen und einer Reihe Schafe.
Im 16. und 17. Jahrhundert zog ein Teil des westmongolischen Volkes der Oiraten zunächst gen Norden, und dann vom Irtysch in Sibirien der untergehenden Sonne nach bis an die Wolga – dem russischen Weideland entgegen. Ihre Hintern waren den bloßen Leib eines Pferdes gewohnt, nicht die Polster in Moskauer Villen. Zar Alexej I. hieß die Neubürger trotzdem mit einem Vertrag willkommen. Die wahrscheinlichste Theorie besagt, dass die Turkvölker die Nomaden damals “Kalmak” nannten, das Volk, das „verweilt“. Daraus entstand das Wort “Kalmück”.
Die Nachfahren dieses Reitervolkes, Schüler der Klasse 4b in der Schule Nummer 3, haben an der magnetischen Schachtafel den König ihres Lehrers Michail Golossja in die Ecke gehetzt. Ich bin Zeugin einer Hinrichtung. Jungen rutschen mit ihren Bäuchen auf den Schulbänken, Mädchen zerren an den Häkelhauben, die den Dutt aus schwarzem Haar fesseln. “Friss ihn”, kreischen sie, und dann, mit hellen Stimmchen: “Schach!”. Golossja zeigt uns, wie es angemessen furchteinflößend klingt. “Schach!!!”, brüllt er und lässt die Konsonanten zischen. Die Antwort der Kinder könnte, getragen vom Steppenwind, die letzten Saiga-Antilopen vor der Stadt aufschrecken. Als König und Lehrer matt sind, sagt Golossja: “Hoffnung Kalmückiens, setzt euch.”
Kurz vor dem Pausenklingeln hockt er mir gegenüber, man kommt sich über einem Schachbrett ziemlich nahe. Er deutet auf einen Jungen nebenan. “Sieh mal, wie er arbeitet”, raunt er mir zu. Tatsächlich: Die Pupillen des Jungen irrlichtern in alle Ecken des Auges. Jetzt kombiniert er, wägt ab, verwirft, denkt, wie nur ein Schachspieler denken kann, mit dem Kopf schon in der Zukunft, während der Körper in der Gegenwart festsitzt. Noch schwebt die Hand des Jungen Zentimeter über dem Brett, im nächsten Moment wird sie auf eine Figur herabschnellen.
Ich dagegen? Jedes Mal, wenn ich gedanklich vorausreisen will, saugt mich die Gegenwart wie ein Staubsauger zurück. Ich sehe die einzelnen Figuren, aber nie das große Ganze. So als könne man im Wald jede Pflanze beim Namen nennen, wisse aber nicht, wie alles ineinandergreift. Etwas mehr Ruhe würde mir gut tun, meint Golossja.
Diese Ruhe liegt in Elista immer nur wenige Straßenkreuzungen entfernt. Wo der Beton endet und der Sand beginnt.
An einem ziemlich grauen Tag stehe ich auf einem ziemlich flachen Hügel, schnürsenkeltief im Schlamm. Neben mir Boris Sandschijew. Er war mal Bäcker, jetzt verlungert er seine Tage und denkt an die Arbeit, die er gern hätte. Mich hatte er direkt am Flughafen aufgelesen. Sandschijew zwingt seinen Jeep durch die vom Tauwetter aufgeweichte Steppe, wie er es auch mit einem Pferd tun würde: mit zusammengebissenen Zähnen und ohne Rückwärtsgang. Jetzt schweigt er und legt den Kopf schief. Die Stille der Landschaft senkt sich auf Augen, Ohren und Gemüt. Die Steppe ist braun, mal dunkel wie satter Lehm, mal hell wie verdorrtes Gras. Meine Augen finden nicht die Linie, an der die flache Erde den Himmel trifft.
Boris Sandschijew erzählt flüsternd von seinem Wehrdienst in Sibirien. Er wollte dort bleiben. Da schickte ihm seine Frau einen Briefumschlag mit einem Büschel Wermut, der Geruch der Steppe. Sandschijew konnte nicht anders, als nach Hause zurückzukehren. Keine Ahnung, ob diese Geschichte stimmt, aber er erzählt sie gern, und ich höre ihm gern zu.
Später im Auto schmettert Sandschijew noch ein paar sowjetische Lieder, die er in der Schule pauken musste. Ihm ist hier draußen wohl immer etwas patriotisch zumute. Schach spielt er auch - selbstverständlich. Gegen die Frau eines Freundes. Er gewinnt fast immer. Warum? Damit möchte er lieber nicht rausrücken. Es wäre doch sehr wahrscheinlich, dass die Antwort frauenfeindlich ausfiele.
Schwarzer König auf D5, zwei Bauern auf D6 und B4, drumherum lauert meine weiße Armada. Michail Golossja prüft mich mit einer Pausenaufgabe. Er ist 41 Jahre alt, in der Woche zuvor hat er seiner Freundin, die er seit einem Monat kennt, einen Heiratsantrag gemacht. Sie möchte noch etwas warten. Das Heulen habe er sich abgewöhnt, sagt Golossja. Jede gezeigte Emotion biete dem Gegner eine Angriffsfläche.
Er nickt in Richtung Schachbrett. “Finde 14 Möglichkeiten, mich mit einem Zug mattzusetzen.” Ich blicke hinab. Eben standen da nur ein paar Figuren, jetzt tanzt ein Haufen schwarzer und weißer Flecken vor meinen Augen. Vor ein paar Tagen habe ich die Veteranen im Schachclub bewundert. Eine Armee alter Denker hockte mit gebeugten Oberkörpern an den Tischen, symmetrisch wie von einem Ballett abgeschaut. Faltige Hände stützten faltige Köpfe. Jetzt merke ich selbst, wie meine Finger zur Stirn gleiten, das Blickfeld schrumpft auf die Größe eines Quadrates mit der Seitenlänge von einem halben Meter.
Als ich nach zehn Minuten erst fünf Lösungen habe, kapituliert Golossja. Er flüchtet in die Schulkantine zum Frühstück. Ich habe erlebt, was er dort isst: einen Berg Borzogi, ähnlich dem Schmalzgebäck vom Weihnachtsmarkt, und Dotur, gehäckselte Schafsinnereien. Man sagt, sie schmeckten besser, wenn sie vor dem Kochen nicht zu gründlich gewaschen würden. Er wird Dschomba trinken, Schwarzen Tee und Retter in Lebens- und Hungerlagen. Die Kalmücken verrühren ihn mit mehr Butter als gut tut, dazu Milch und Salz, vielleicht etwas Muskat. Ich bleibe allein zurück unter den grau verblichenen Fotografien ehemaliger Weltmeister: Michail Tal, der ein Hypnotiseur am Brett gewesen sein soll, und Anatolij Karpow, den sie Boa Constrictor nannten. Sie zwingen mich mit ihren Blicken in die Knie. Dazwischen baumelt der lächelnde Kirssan Iljumschinow. Er glaubt daran, dass Schach die Welt auf den Kopf stellen kann, zumindest die kalmückische Ecke davon.
Kirssan Iljumschinow ist – sagen wir mal – ein Exzentriker. Er ist seit 15 Jahren Präsident des Weltschachverbandes FIDE. Menschen, die ihm nicht gewogen sind, behaupten, er sei zum Mars geflogen und habe dort mit grünen Marsianern geplauscht. Was natürlich Unsinn ist, weil Iljumschinow nach eigener Aussage zwar von Außerirdischen auf ihr Raumschiff entführt wurde. Einen anderen Planeten habe er aber niemals betreten.
Doch solche Details findet Iljumschinow nur mäßig interessant. Viel lieber redet er über Schach als friedensbildende Maßnahme. Denn wo Schach gespielt wird, davon ist er überzeugt, leben bessere Menschen. “Bessere Minister, bessere Präsidenten, keine Kriege.” Iljumschinow hat Schach auch schon gegen Muammar al-Gaddafi und Saddam Hussein als diplomatische Allzweckwaffe eingesetzt. “Papst Johannes Paul II. war der bessere Spieler”, sagt er.
Man kann dem FIDE-Vorsitzenden einiges vorhalten. Seine Selbstherrlichkeit zum Beispiel. Oder einige verdächtige Millionen zuviel auf dem Konto. Auch eine ermordete Journalistin während seiner 17 Jahre als Präsident von Kalmückien. Außerdem soll er sich bei seiner Wiederwahl zum FIDE-Präsidenten im September 2010 Stimmen für 25 000 Dollar das Stück gekauft haben. Das lächelt er alles weg, und in einem Tonfall, die eher zu einem Jugendlichen im Stimmbruch passt, beteuert er seine Unschuld, Unschuld, Unschuld.
Man kann Kirssan Iljumschinow allerdings nicht vorwerfen, er habe keine Ahnung vom Schach. Er war schon als Jugendlicher kalmückischer Meister, er hat das Spiel verstanden. Vielleicht anders als ich es bisher verstehen wollte. Schach sei in ähnlicher Form schon im Altertum bei den Inkas, aber gleichzeitig auch in Japan und in Europa aufgetaucht, sagt Iljumschinow. Deshalb gibt es für ihn nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder das Spiel ist eine Schöpfung Gottes, oder aber ein Außerirdischer hat es auf die Erdkugel mitgebracht.
Egal, wer von beiden die Menschheit beglückte, er hat uns ein Zeichen dagelassen. Ein Schachbrett besteht aus 64 Feldern. Die Basen der menschlichen DNA können sich zu 64 Kombinationen zusammenfinden. “Das Spiel ist der Code einer anderen Zivilisation“, meint Iljumschinow. Er ist kein Eiferer, er bleibt geschmeidig. Aber er ist überzeugt, dass wir alle ihn verstehen werden, wenn die Außerirdischen wiederkommen.
Etwas Großmeisterliches steckt auch in mir, man muss den Rohdiamanten nur lange genug schleifen. Vielleicht liegt es an der Steppe, die dem Verstand Auslauf gibt, oder an diesem kaugummiverklebten Schachclub in Elista, der Ehrgeiz wachrüttelt. Meine Fortschritte kann auch Michail Golossja nicht leugnen. Er fesselt mich mit den Augen durch seine viereckige Brille. “Sizilianische Verteidigung, die Lieblingseröffnung von Kasparow”, raunt er anerkennend und vergisst für einen Augenblick, dass er sich sonst von niemandem beeindrucken lässt. So etwas nennt man dann wohl Instinktschach.
Golossja nimmt meine Fähigkeiten nun ein wenig zu ernst, er zerlegt meine Stellung im Rhythmus der tickenden Uhr und hat zwischendurch noch Zeit, mir zum wiederholten Male die “drei Goldenen Regeln des Schachs” entgegenzuschleudern: erstens, sichere deinen König. Zweitens, besetze das Zentrum. Drittens, alle Figuren sollen spielen. Ich versuche so auszusehen, als serviere er mir frische Brötchen zum Sonntagsfrühstück. Das habe ich von Baatr Schowunow, einem Internationalen Meister Kalmückiens, gelernt: Wenn du wütend bist, lass es dir nicht anmerken. Höchstens eine geballte Faust unter dem Tisch ist erlaubt.
Golossja macht weiter, als habe er nichts bemerkt. “Wer braucht eine Pause?”, fragt er in den Raum. Neun Kinderhände schnellen nach oben. “In Russland gibt es keine Demokratie, also gibt es auch keine Pause.”
Auf dem zentralen Platz in Elista haben die Stadtarchitekten zwei Schachfelder in den Asphalt gelassen. Solange der Sonnenstand es zulässt, beschützen die Einwohner der Stadt bei einem Spielchen einen König, der ihnen knapp übers Knie reicht. Und immer stehen ein paar Männer umher, die mit den Armen wirbeln wie ein Fußballtrainer, dessen Mannschaft die Taktik kurz vor Abpfiff immer noch nicht begriffen hat.
Zwischen den Schachfeldern steht eine Pagode mit einer Gebetstrommel, der Baraban, für das tägliche buddhistische Gebet im Vorbeigehen. Dreht man einmal daran, sind automatisch zehn Millionen Gebete gesprochen. Dreimal drehen, und der Tag ist gerettet. Schach und Buddha – die Stützen der Nation. Für dieses Ensemble wurde vor einigen Jahren die Lenin-Statue an den Rand des Platzes verdrängt. Das ist die Geschichte der Kalmücken in Russland: Es war von Beginn an ein Ringen um das Erbe der Vorväter.
Josef Stalin tilgte Kalmückien Ende 1943 von den Landkarten. Kurz vor Silvester wurden auf seinen Befehl hin alle Einwohner in Eisenbahnwaggons verfrachtet und nach Sibirien deportiert. Zuvor waren einige Kalmücken den Verbänden der deutschen Wehrmacht beigetreten, Stalin verurteilte das ganze Volk wegen Kollaboration mit dem Feind. Als Nikita Chruschtschow 1957 die Verbannten zur Rückkehr einlud, fanden die Kalmücken in ihrem alten Siedlungsgebiet fast nichts mehr vor, wofür sie beten konnten. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion war von den 106 buddhistischen Tempeln aus der Zeit vor der Oktoberrevolution einzig der mickrige Mittelteil des Tempels in der Stadt Astrachan übrig geblieben.
Nun ist das Land dabei, seine Religion Stein für Stein, Gebetshaus für Tempel, wieder aufzurichten. Der Dalai Lama kam im verregneten Herbst 2004 vorbei. Erst kurz vor der Reise hatte er ein Tagesvisum in die Hand gedrückt bekommen, diplomatische Verwicklungen zwischen China und Russland drohten. Unter dem Dach vieler Regenschirme stieg der Dalai Lama auf einen Hügel nahe des Zentrums von Elista und erkor diesen damit zum neuen Fixpunkt des kalmückischen Buddhismus. Das Zementwerk auf dem Hügel wurde abgerissen, Kirssan Iljumschinow verfügte den Bau des “Goldenen Hauses des Buddhas Schakjamuni”, weißbetonierter Sehnsuchtsort, bis unters Spitzdach gefüllt mit dem betörenden Geruch von Räucherstäbchen. Drinnen thront der goldene Buddha im Schneidersitz, mit neun Metern Höhe ungeschlagen in Europa, ein Lächeln im sehr jungen Gesicht, die eine Hand ruht auf der Wade, die andere trägt einen Obstteller mit Ananas, Birnen und Äpfeln.
Die Mönche, die am Fuße Buddhas auf roten Kissen kauern, schwer verständliche Worte in leiernde Melodien verpacken, sind Gesandte aus Tibet. Sie predigen auf Tibetisch, einer Sprache, die für die Kalmücken so wenig verständlich ist wie das Latein in den mittelalterlichen Kirchen Deutschlands. Im südindischen Kloster Drepung Gomang studieren Kalmücken die 108 Bände des Kanjur, um irgendwann ihrem Volk in der eigenen Sprache von den Lehren Buddhas berichten zu können.
Im Zeitraffer haben die Kalmücken mit Beton und Blattgold alte Wunden verpflastert. Sie machen das mit der gleichen Zielstrebigkeit, wie Kirssan Iljumschinow Schach aus den Wohnzimmern ins Rampenlicht zerrt. 86 Schachclubs gibt es in Kalmückien. Ins Verhältnis gesetzt, ist die kalmückische Bevölkerung damit genauso gut versorgt wie es die Deutschen mit Fußballvereinen sind.
Schach wird deshalb natürlich auch in Trojtzkoje gespielt, eine halbe Autostunde entfernt von Elista, einem grauen Fleck in der braunen Steppe. Wer hier etwas braucht, klopft an verbretterte Luken in Häuserwänden: Bäcker, Schuhmacher, Apotheker. Aber die Tür zum Schachclub ist offen, vom frühen Morgen bis weit nach Sonnenuntergang. Es ist der letzte Tag der Kreis-Schachmeisterschaft, Siegerehrung. Die Steppe ist immer noch so aufgeweicht, dass es nicht alle Kandidaten rechtzeitig nach Trojtzkoje geschafft haben. Egal, die Gewinner stehen fest. Der erste Platz gebührt Dschangar, 11,5 Punkte für ihn, Spitzenleistung. Acht Menschen in der Turnhalle klatschen beherzt Beifall, die Wände werfen immerhin ein Echo zurück, ich falle zögernd ein. Urkunde, Foto, Abgang.
Hier treffe ich Anatolij Tsebekow. Kaputte Hüfte, gebeugtes Rückgrat. Er braucht kein Brett, um Schach und Kalmückien zu erklären. Nur ein paar Sekunden nach jedem Satz, um die Worte in seinem 70 Jahre alten Kopf zusammenzuraffen.
Tsebekow wird mein Mentaltrainer sein. Golossja ist ein Schinder, ein Schach-Künstler wird er nie sein, dafür muss er zwischendurch viel zu viel Kreidestaub schlucken und den gelungenen Tag mit einem Wodka begießen, den nicht gelungenen mit mehr. Tsebekow dagegen sagt Sätze wie: “Die Kalmücken denken viel über das Leben nach und suchen immer nach neuen Varianten des Überlebens.” Das soll beim Schach helfen.
Schach fasziniert die Menschen, weil Verstandeskraft unmittelbar sichtbar wird. Wenn sich beim Duell Gedanken wie Klingen kreuzen, lässt das keinen kalt, die Zuschauer nicht, erst recht nicht die Spieler. Um das zu verstehen und selber zu fühlen, hätte ich vielleicht nicht nach Kalmückien reisen müssen, aber ein Mann wie Tsebekow, der mich mit milchiggrauen Augen fixiert und sagt, er „atme Schach”, gibt dem Ganzen Tiefe.
Seine grauen kurzen Haare kleben ihm wie ein Helm am Kopf. Er findet, er habe Ähnlichkeit mit dem aktuellen Weltmeister Viswanathan Anand. Mich erinnert dieser zerknitterte Mann mit dem nach unten immer länger werdenden Gesicht eher an einen Fuchs. Im Dunkeln stampft Tsebekow mit mir zum Dorfrand. Dort hängt ein Porträt von ihm an einem Pfahl. Er trägt auf dem Bild zu viele Medaillen für seinen dünnen Hals. Anatolij Tsebekow war auch mal ein ausgezeichneter Ringer. “Held der Arbeit der Sowjetunion”, steht auf dem Plakat geschrieben. “Denke nie an den Sieg”, sagt Tsebekow mit Alte-Männer-Stimme und streckt tatsächlich einen Zeigefinger in die Höhe. “Wenn du dein eigenes Schach spielst, kommt der Sieg von allein.”
Mein eigenes Schach? Das habe ich nicht gefunden, auch nicht in Kalmückien. Dafür war ich viel zu eifrig mit dem Lernen beschäftigt. Ich habe Schach gepaukt. Unter freiem Himmel bei Gegenwind und unter dem klackernden Tremolo der Figuren in Klassenzimmern. Gegen Kinder, die zwischen zwei Zügen Kaugummi kaufen gingen, und gegen Alte, die den Arm kaum zum Händedruck vor dem Spiel heben konnten. Am Ende habe ich verstanden, dass man Schachregeln zwar auswendig lernen kann, aber auch, dass die Kalmücken jedes Mal, wenn sie den weißen Bauern zum ersten Zug führen, ihre Seele offenbaren. Ich habe so lange gespielt, bis Michail Golossja aus Versehen ein zustimmendes Grunzen entfuhr. Gewonnen habe ich nicht ein einziges Mal.