Zeitenspiegel Reportagen

Zug nach Nirgendwo

Erschienen in „Cicero“ 2/2014

Von Fotograf Christoph Püschner und Autor Mathias Becker

Ein Flüchtlingstreck von 71 Afghanen fährt von Ungarn nach Deutschland. Ihre Aussicht auf Asyl ist minimal – und doch ziehen sie die Reise dem Nichtstun vor

Der Nachtzug aus Budapest hat die Grenze bei Freilassing kaum überquert, als ein grauhaariger Mann in Jeans und Sommerjacke durch die Wagen wandert. Vor einem Abteil, in dem Frauen mit bunten Kopftüchern und Männer mit schwarzen Haaren sitzen, zückt er die Dienstmarke und drückt die Tür mit einem Ruck auf. „Die Papiere, bitte!“ Die Fahrgäste schauen ihn fragend an. „Passport“, wiederholt er auf Englisch. Einer der Männer reicht ihm einen Stapel druckfrischer, weinroter Pässe mit goldenen Lettern. Der Beamte blättert jedes Heftchen Seite für Seite durch. Es sind „Reisedokumente für Schutzbefohlene“. Flüchtlingspässe. Ausstellungsort: Budapest.

„Woher kommen Sie?“, fragt er auf Englisch.

„Afghanistan.“

Der Beamte blättert weiter.

„Was machen Sie in Deutschland?“

„Wir fahren auf eine Hochzeit.“

„Wo sind Ihre Rückfahrkarten nach Ungarn?“

„Die kaufen wir in Deutschland.“

Der Beamte zögert einen Augenblick, wünscht dann „eine gute Weiterfahrt“. Er öffnet die Tür zum folgenden Großraumwagen und bleibt wie angewurzelt stehen: Rund 60 Afghanen bereiten gerade das Frühstück vor. Belegte Brötchen werden ausgewickelt, Schwarztee plätschert aus Thermoskannen in kleine, geschwungene Gläser. Überall stehen Koffer, Taschen, Tüten. Dazwischen turnen Kinder. Hände recken dem Polizisten in Zivil ihre weinroten Pässe entgegen. „Alle auf die Hochzeit, was?“, murmelt der und will schon in den nächsten Wagen wechseln. Doch sein Blick bleibt an einem schmalen Mann in Lederjacke hängen, der vorgeblich verträumt aus dem Fenster schaut. „Passport!“

Vor dem Fenster fliegt der Chiemsee vorbei, als die Handschellen klicken. Der Kosovo-Albaner, der ohne Visum einreisen wollte, wird in Rosenheim abgeführt. Verstohlen beobachten die Afghanen die Szene. Sie kennen das Gefühl von kaltem Stahl ums Handgelenk. Selbst viele ihrer Kinder. Sie alle sind illegal nach Europa gekommen, manche vor ein paar Monaten, viele vor Jahren. Die meisten sind, wie fast alle Flüchtlinge aus Afghanistan, mit dem Bus über Iran und Türkei nach Griechenland gefahren. Dort werden viele von ihnen aufgegriffen, aber oft gleich wieder laufen gelassen. Es gibt keine Unterbringung, die griechischen Behörden haben kapituliert. Also geht es weiter durch Mazedonien und Serbien ins EU-Land Ungarn. Nach rund 6000 Kilometern – das meiste in Bussen, einen Gutteil zu Fuß – und insgesamt sechs grünen Staatsgrenzen endet ihre Flucht vorerst in einem ungarischen Flüchtlingslager. 10 000 Euro kann so eine Reise in der Holzklasse nach Europa kosten. Pro Person. Das Geld haben meist Verwandte, die schon im Ausland leben, gesammelt.

In der alten Kaserne von Bicske, einem Nest bei Budapest, leben schon seit Jahren keine Soldaten mehr, dafür Afghanen, Iraner, Pakistaner, Somalier und Kosovaren. Ein Zaun mit Stacheldraht umgibt das Gelände. Als mal einer fragte, warum der Draht noch hänge, sagte der Leiter des Heimes: „Zu eurem Schutz.“ Sie verstanden: Rechtsradikale attackieren in Ungarn regelmäßig Roma und Juden, auch vor Flüchtlingsheimen wird demonstriert. Amnesty International fordert, Abschiebungen nach Ungarn auszusetzen: Die Sicherheit von Flüchtlingen dort sei nicht mehr gewährleistet. Fast 500 Menschen leben in den Baracken, die für 100 Menschen gedacht waren. Überall auf den Fluren liegen fleckige Matratzen, selbst die stickige Turnhalle dient als Nachtlager. Bereiche für Familien sind notdürftig mit Laken abgehängt. Mehr als 100 Menschen teilen sich je eine winzige Küche ohne Geschirr, getrunken wird aus alten Joghurtbechern. Die Enge schafft Spannungen, die sich in Streit und Schlägereien entladen. Ständig fährt eine Streife über das Gelände.

Die Überbelegung der Flüchtlingsunterkunft bei Budapest hat einen simplen Grund: Nach zwölf Monaten müssten die Flüchtlinge eigentlich eine eigene Bleibe in der Stadt finden, so fordert es der ungarische Staat – und verspricht ihnen einen Mietzuschuss gegen Vorlage eines Mietvertrags. Der Haken: Der Wohnungsmarkt in Ungarn ist zum großen Teil ein Schwarzmarkt: Wohnraum wird am Fiskus vorbei per Handschlag gegen Bargeld vermietet. Für die Flüchtlinge bedeutet das: Kein Mietvertrag – kein Zuschuss. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in Bicske zu bleiben. Bleiben sie, werden sie nach einem Jahr von der Bewohnerliste gestrichen. Sind sie nicht mehr auf der Liste, behandelt sie der Arzt nicht mehr. In der Dorfklinik werden sie oft abgewiesen, weil sie keine gültige Adresse vorweisen können. Bürokratie wie bei Kafka.

„Der ungarische Staat will verhindern, dass sich Flüchtlinge ein Leben aufbauen“, sagt Zoltán Somogyvári. Der 30-jährige Anwalt berät und unterstützt Flüchtlinge in Ungarn. Auf dem Papier ebne die Behörde Flüchtlingen einen Weg in die Gesellschaft, doch jeder Pfad münde in eine Sackgasse. Auch die Uno sieht das so: 2012 nannte ein Bericht des Uno-Flüchtlingswerks das Asylsystem in Ungarn „unwirksam“. Zahlreiche Flüchtlinge würden obdachlos. Es bestehe die Gefahr, dass anerkannte Flüchtlinge rasch in andere Mitgliedstaaten der Europäischen Union abwandern. „Dass die Menschen wieder abhauen, ist Teil des Planes“, sagt Zoltán Somogyvári.

Heute versuchen 71 Männer, Frauen und Kinder aus Afghanistan, das Flüchtlingslager von Bicske hinter sich zu lassen. Sie haben eingepackt, was sie tragen können: Kleidung, Decken, Werkzeug, Geschirr, eine Nähmaschine. Nichts bleibt zurück, damit sie nicht mit leeren Händen dastehen, falls man sie gleich wieder zurückschickt. Also wuchten die Männer Koffer, so schwer, dass sie in Trippelschritten gehen. Sie greifen trotzdem lieber gleich zwei, wegen der Balance. Die Frauen tragen die Jüngsten auf dem Arm. Die schon laufen können, trotten nebenher.

Da ist Ahmed Ghulami, 62, ein gebeugter Mann mit glasigen Augen. Er war Fahrer in der umkämpften Provinz Helmand im Süden Afghanistans, bis die Taliban ihn anheuern wollten. Ein Nein hätte seinen Tod bedeutet. Ein Ja womöglich auch. Er bat um Bedenkzeit – und floh im Morgengrauen mit seiner Frau Marcia und den fünf Kindern. Oder die schwangere Shahrbandoo Safdari, 21. Ihr Onkel kämpfte einst aufseiten der Sowjets. Die Blutrache der Taliban würde sie bis heute treffen. Sie floh mit ihrem Mann Mohammed. Der Architekt Ahmed Mousavi, 33, arbeitete für die Isaf-Truppen. Eines Tages entführten ihn Taliban. Nach zehn Tagen ließen sie ihn gegen ein Lösegeld gehen. Ihm werde nichts passieren, wenn er nicht mehr für die Isaf-Truppen arbeite, versprachen sie. Es wäre nicht das erste Mal, dass Taliban Versprechen brechen, sagte sich Mousavi und floh mit seiner Frau und seinen zwei Kindern.

Dann ist da noch Ali Reza Durani, 31, den eine Narbe auf der Nase stets an den Abend erinnert, an dem sie ihn fast totgeschlagen hätten. Er war Sozialarbeiter in Kandahar, organisierte Näh- und Computerkurse für Witwen. Ein Mann, der Frauen unterrichtet. Nachbarn zogen seinen blutenden Körper in einen Hauseingang. Ali Reza Durani ist einer der Letzten, die das Heim verlassen. Er kniet in seinem Zimmer auf seinen großen schwarzen Rollkoffer und zerrt am Reißverschluss. In einer Klarsichthülle hat er schmutzige Zettel verstaut, Kopien von Formularen, Arztberichte. Jeder Wisch könnte wichtig sein, wenn es um die Frage geht, ob er in Deutschland bleiben darf oder nicht. Ungarn gilt den deutschen Behörden und Gerichten immer noch als „sicherer Drittstaat“, in den abgeschoben werden kann.

Durani hat schon oft versucht, aus dem armen Südosten Europas in den reichen Westen oder Norden zu gelangen, das dokumentiert ein abgegriffener Zettel irgendwo zwischen seinen Papieren.Es ist der Ausdruck seiner Eurodac-Datei. In der Datenbank werden Flüchtlinge, die nach Europa kommen, registriert. Duranis Fingerabdrücke wurden zuerst 2008 in Griechenland genommen. In den Jahren darauf war er kurz nacheinander in Norwegen, dann wieder in Griechenland, in Ungarn, Holland und schließlich wieder in Ungarn. Auf seiner Odyssee hat Ali Reza Durani gelernt, dass Flüchtlinge innerhalb der EU in das Land abgeschoben werden können, das sie als Erstes betreten haben. Aber er hat auch gelernt, dass die europäische Flüchtlingspolitik löchrig ist: Nach Griechenland, wo er zum ersten Mal einen Fingerabdruck hinterließ, wird nicht mehr abgeschoben. Das Asylsystem ist implodiert. Seither betrachten die Behörden Ungarn als erstes Land seiner Einreise. „Dabei ist es hier nicht viel besser“, sagt er.

Diesmal ist er nicht allein. Erst waren sie nur eine Handvoll Menschen, die die Flucht nach Deutschland planten. Doch als der Termin näher rückte, wurden sie mehr. Verwandte im Ausland schickten Geld für ein Gruppenticket mit dem Nachtzug nach München. Einfache Fahrt ins Ungewisse.

20 Uhr, Budapest-Ostbahnhof. Eine Stunde vor Abfahrt des Zuges türmt sich das Gepäck mannshoch in der Wartehalle. Die Frauen, mit losen bunten Kopftüchern, sitzen auf Bänken. Die Männer stehen in kleinen Gruppen im Kreis, rauchen, reden. Die Kinder spielen Fangen zwischen Kioskbuden oder schlafen, in Jacken gewickelt, auf dem Marmorboden.

21.40 Uhr. Mit halbstündiger Verspätung klappen die Türen des Euronight 462 nach München zu. Die Kinder kleben an den Scheiben, winken und verfolgen die Umarmungen auf dem Bahnsteig. Als der Zug sich in Bewegung setzt, rennen junge Männer nebenher, erst langsam, dann immer schneller, bis zum Ende des Bahnsteigs. Dann rollt der Zug in die Dämmerung. Im Wagen legen sie die Fü.e hoch und versuchen zu schlafen, was nicht jedem leichtfällt, da der Großraumwagen die ganze Nacht über hell erleuchtet ist. Ahmed Ghulami, der Fahrer, und Ahmed Mousavi, der Architekt, sortieren die Nachweise von Arztbesuchen: Zwei von Ghulamis Kindern, Jafar und Masume, haben ärztliche Bescheinigungen über ein posttraumatisches Stresssyndrom. Sie können nicht richtig schlafen und zittern oft unkontrolliert. „Glaubst du, ich bekomme eine Ausnahme?“, fragt Ghulami. Mousavi schweigt. Der hagere Abdul Mohammadi, der bei ihnen sitzt, holt ein Attest einer Nervenklinik in Österreich hervor, in dem den Behörden vor einer Abschiebung nach Ungarn abgeraten wird. „Ich wurde trotzdem zurückgeschickt“, erzählt er.

Der Tag beginnt mit Kinderliedern. Zwei Mädchen, sechs und acht Jahre alt, singen lauthals, was sie auswendig können. Afghanische Lieder, die sie von ihrer Mutter kennen – und ungarische, die sie in der Dorfschule von Bicske gelernt haben. Es gibt Flüchtlingskinder, die in drei oder vier Sprachen plaudern. Wo immer sie stranden – saugen sie die Worte auf. Ali Reza Durani, ein paar Sitze weiter, spürt die Spannung steigen, je näher sie der deutschen Grenze kommen. Die anderen dösen noch.

8.10 Uhr: Der Zug überquert die deutsche Grenze bei Freilassing, wenig später betritt der Zivilpolizist das erste Abteil. Die Gruppe ist erleichtert, als er ihre Begründung für die Reise – eine Hochzeitsfeier in Deutschland – akzeptiert. Sie haben Reisedokumente, ihr Grenzübertritt ist rechtmäßig. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass ein Staat ihre Rechte nicht respektiert. 71 Afghanen hätten den Beamten stutzig machen können.

9.23 Uhr. Kurz vor München passieren sie einen Güterzug, auf dem beigefarbene Panzerwagen, wie sie die Bundeswehr auch in Afghanistan einsetzt, Richtung Süden rollen.

9.47 Uhr. Ankunft in München. Es dauert seine Zeit, bis die Reisenden all ihr Gepäck aus dem Zug bugsiert haben. Verwandte, die bereits in München leben, nehmen die Gruppe in Empfang. Sie raten dazu, in München Asyl zu beantragen. Die Chancen auf Anerkennung stünden dort besser. Ein Teil der Gruppe will dem Rat folgen, ein anderer lieber nach Stuttgart weiterfahren. Doch weil die Gruppe zusammenbleiben will, muss eine Entscheidung her. Zehn Männer rücken dicht zusammen, ballen die Fäuste und rufen wild durcheinander. Nach einigen Minuten legt sich der Sturm, und Augenblicke später stimmen die Männer schweigend per Handzeichen ab. Die Mehrheit will nach Stuttgart fahren, die Minderheit fügt sich stumm. Afghanische Demokratie.

Drei Männer sammeln Geld ein und marschieren zum Schalter. Doch als sie eine halbe Stunde später mit einer Handvoll „Quer durchs Land“-Tickets zurückkehren, haben viele ihre Meinung wieder geändert. Sie wollen nun doch in München bleiben. Das Plenum tagt ein zweites Mal, länger und lauter als beim ersten Mal. Die endgültige Entscheidung für Stuttgart fällt wenige Minuten vor Abfahrt der Regionalbahn. Zwischen der Gruppe und den Zugtüren liegen rund 200 Meter Fußweg. Kaum zu schaffen für 71 Kinder, Eltern und Großeltern mit mehr als 100 Gepäckstücken. Zumal der Marschbefehl nur sehr zögerlich die Runde macht. Eine Familie nach der anderen setzt sich in Bewegung. Bald zeigt sich: Wenn nur die Vorhut pünktlich in der Zugtür steht, muss diese Karawane keine Abfahrtszeiten fürchten. Schweigend studiert der Schaffner die Gruppe wie ein Wanderer eine vorbeiziehende Lawine. Mit zehn Minuten Verspätung fährt der Zug ab.

14.20 Uhr. Ankunft in Stuttgart. Die Gruppe hat einen Lotsen: Ein junger Mann sprach sie im Zug an, weil ihre Koffer im Weg standen. Er ist angehender Schaffner, kennt Zugnummern, Abfahrtsund Ankunftszeiten und hat sie gebeten, die Gänge freizuräumen. Niemand verstand ihn. Jetzt führt er den Pulk auf dem Weg zum richtigen Bahnsteig an. Sie wollen den nächsten Zug nach Karlsruhe nehmen. Ihr Ziel: die Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge.

Kurz bevor der Zug abfährt, kommen zwei Bahnmitarbeiter auf die Afghanen zu. Sie haben einen hageren Greis, der in einem viel zu großen Sakko steckt, untergehakt und bitten die Afghanen auf Englisch, mit ihm nach Karlsruhe zu fahren, dort werde er abgeholt. Der Mann sagt nichts. Während der Fahrt mustern die Flüchtlinge den alten Mann neugierig. Sie sagen nichts, und auch er bleibt während der Fahrt stumm. Wie sich herausstellt, spricht er nur türkisch – und leidet an Demenz.

18.45 Uhr. 28 Stunden nach ihrem Aufbruch nahe Budapest sammelt sich die Gruppe vor dem weißen Metalltor der Zentralen Aufnahmestelle des Landes Baden-Württemberg. Rund 1400 Flüchtlinge leben hier, auf mehrere Einrichtungen in der Stadt verteilt. Ali Reza Durani stellt sich vor das kleine Glasfenster der Pforte und sagt auf Englisch: „Wir möchten Asyl beantragen.“ Der Pförtner, ein stämmiger Kerl mit Schnauzbart, stürmt hinaus. Der halbe Parkplatz ist voll mit Menschen. Das Gesicht des Mannes rötet sich. Er breitet die Arme aus und ruft mit polnischem Akzent: „Alle auf einmal?“ Dann macht er auf dem Absatz kehrt, verschwindet in seinem Kabuff und telefoniert mit seinem Chef. Wenige Minuten später ist er wieder da. „Okay“, sagt er, „aber einer nach dem anderen!“

Eine halbe Stunde später taucht Konrad Schaub, 62, der Leiter der Einrichtung, auf. Es ist sein freier Tag. Er hätte auch in seinem Garten bleiben können. Aber wenn er so einer wäre, würde er dieses Haus nicht leiten. Er ist also gekommen, lächelt, spricht mit den Afghanen und sagt: „71 Menschen? Irgendwie schaffen wir das schon.“

Nach wenigen Wochen in der Landesaufnahmestelle wurde die Gruppe auf Flüchtlingsheime in Baden-Württemberg verteilt. Ihre Asylanträge beantwortet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit Abschiebebescheiden. Der Grund: Die Afghanen genießen Schutzstatus in Ungarn. Nach einer Reihe von Gerichtsverfahren ist das Bild verwirrend: Manche Richter folgen der Argumentation der Flüchtlinge. Sie bewerten die Situation in Ungarn als unsicher und setzen Abschiebungen aus. In anderen Fällen bestätigen die Richter die Sicht des Bundesamts und erklären die Abschiebungen für rechtmäßig.

„Ob man abgeschoben wird oder nicht, hängt davon ab, an welches Gericht man gerät“, sagt Brigitte Kiechle, die einige der Afghanen als Anwältin vertritt. Sie hält die Lebensumstände von Flüchtlingen in Ungarn für nicht zumutbar und will einen Abschiebestopp notfalls vor dem Bundesverfassungsgericht einklagen. Ein Vorhaben, das sogar das Innenministerium von Baden- Württemberg beeindruckt hat: Bis Brigitte Kiechle ihre Klage vorbereitet und das Gericht eine Entscheidung gefällt hat, wird kein Flüchtling nach Ungarn abgeschoben.

Auf dem Gelände der alten Kaserne von Bicske wurden zwischenzeitlich Mannschaftszelte hinter den Baracken aufgebaut. Mehr als 1000 Menschen lebten auf dem Gelände – Asylsuchende und solche mit Schutzstatus. Heute leben nur noch Menschen mit Schutzstatus hier, eine Perspektive für die Zeit nach dem Lager haben sie nicht. Asylsuchende kommen derweil wieder in Haft – ein Verfahren, das Ungarn auf Druck der EU abgeschafft hatte, um es kurze Zeit später wieder einzuführen. So landen Flüchtlinge, die das Land betreten, erst hinter Gittern – dann auf der Straße.